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-=s3=4sö> DIE TURINER AUSSTELLUNG <^=^
kein einziges Interieur ist zu sehen, aus Oesterreich
hat kein einziger der Secessionisten
ausgestellt. Von dem aber, was die Galerien
dennoch füllt und der Ausstellung ihre quantitative
Grösse giebt, soll nun in diesem und
in den nächsten Heften die Rede sein.
Die Ausstellung liegt im Park des Valen-
tino schön und friedlich, die hellen grünen
Berge geben einen wundersam zarten Hintergrund
, und seltsam pikant stehen mitten
zwischen den Ausstellungsbauten die mittelalterlich
strengen Kastelle von San Giorgo.
In Turin, dieser anmutigen Stadt, die dem
Fremdenzuge etwas fern liegt, und deren
george logan « dreiteiliger wandschirm aus grau gebeiztem
holz mit silberbeschlägen und eingesetzten
edelsteinen « ausgef. von wylie & lochhead, glasgow
Art denn auch dem italienischen Charakter
etwas fremd ist, herrscht weniger der Geist des
Cinquecento, der Renaissance als des starren
frühen Mittelalters. Auf dem Hauptplatze
steht eine alte Burg, halb Festung, halb Ruine,
und rundherum ist eine höchst moderne
Stadt erbaut mit neuen Häusern, neuen von
Traditionen wenig belasteten Menschen, die
den Alpen, ja sogar französischer Art näher
zu stehen scheinen als der italienischen
Weise. Unten bei den Gärten, welche die Ausstellung
aufgenommen haben, sieht es denn
auch nicht allzu italienisch aus. Man denkt
eher an den Süden Frankreichs oder an ein
sanftes Schweizer Thal. Das erste Thor grüsst.
Ein blau-gelber Löwe, der irgend etwas aus
irgend einem Grunde zu
apportieren scheint, grüsst
von einem Plakate herab.
Doch dies ist noch nicht
das eigentliche Portal. Steht
man dann vor diesem, so
muss man lächeln, denn es
ist die Wiederauferstehung
Darmstadts. Da sind wieder
die beiden bunten Häuschen
mit den flachen Dächern und
den geneigten Fassaden, die
sich zusammenzudrängen
scheinen, da sind auch die
wohlbekannten Ornamente,
das Schachbrettmuster, die
Wellenlinie; Darmstädter
Erinnerungen, das könnte
man überhaupt als charakteristisches
Marginale zu
einer Besprechung der Turiner
Ausstellungsbauten
setzen. Nur das Hauptgebäude
macht eine Ausnahme
, und das ist denn
auch eine respektable Leistung
und weitaus der beste
Bau. Sonst aber findet man
Kioske und Pavillons mit
weissem Verputz und kreisrundem
Ornament, „reiche"
Stucco- und Gipsfassaden,
sogar ein unglückliches,
dreieckiges Reissbretthäuschen
, wie jenes Olbrich-
sche „Gebäude für Flächenkunst
" ist da. Die Farbenskala
ist zumeist auf Weiss-
Gold beschränkt. Das Material
ist durchweg Verputz.
Auffallend war mir an manchen
Bauten eine Neigung
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