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-^4s£> DIE TURINER AUSSTELLUNG
zum Barock. In der That hat ja damals wie
jetzt wieder ein unglücklicher Hang zur
Häufung von Schmuckmotiven geherrscht.
Mit Ausnahme Oesterreichs und einiger
privater italienischer Aussteller vereinigt das
grosse Ausstellungsgebäude alle Nationen.
Oesterreich hatte den Vorzug, sich zwei
kleine Häuschen bauen zu dürfen, einen
Kiosk und eine Villa; doch lässt sich weder
von dem einen noch von dem anderen Bau
sagen, dass sie einen neuen architektonischen
Einfall zeigen. — Im übrigen soll davon seiner
Zeit die Rede sein.
Eine besondere Erwähnung verdient das
graziöse Haus der künstlerischen Photographien
besonders auch deshalb, weil dieser
Zweig der dekorativen Kunst einzig und
allein eine systematische Berücksichtigung
gefunden hat. Weder eine Plakatausstellung,
noch eine Abteilung für die reproduzierenden
Künste ist zu finden. Ja, die Architektur ist
vollständig ausser acht gelassen worden.
Hier und da findet man in einer der Sektionen
ein paar Plakate oder Bücher, Farbendrucke
CHARLES R. MACKINTOSH * SEKRETÄR AUS GRÜN GEBEIZTER
EICHE MIT RELIEFS IN PLASTER UND APPLIKATIONSARBEIT «
oder Photographien von Häusern, einen
Begriff dieser Künste und der besonderen
Fähigkeiten des einen oder anderen Volkes
konnte man in Turin nicht erhalten.
Vor dem Hauptgebäude stehen zwei Fontänen
, ärmliche Nachahmungen RoDiN'scher
Kunst. - - Vielleicht auch stehen sie gar nicht
mehr. Man sprach in gerechter Erkenntnis
ihres Wertes in den Eröffnungstagen davon,
sie wieder zu zerstören. Dagegen sind einige
plastische Gruppen, welche die Fassade des
Hauptgebäudes krönen, Reigen tanzender
Mädchen in schöner und freier Bewegung
darstellend, gut gelungen.
Das Hauptgebäude ist um eine Kuppelhalle
angeordnet, deren Weite, Höhe und freie
Form in der That jenen Eindruck moderner
Baukunst vermittelt, den die kleinlichen, auf
Aeusserlichkeiten und Fassadenwitze abzielenden
Ausstellungsbauten auch in Paris
schon vermissen Hessen. Leider ist die
Innendekoration dieser freien Halle, die sich
auch in der Fassadenansicht natürlich und
gut ausnimmt, missglückt. Die Farben der
flachen und eintönigen Malereien
sind dumpf, nichtssagend. Hier
hätte aus goldenen oder silbernen
Tönen der Eindruck des Reichtums
und der Feierlichkeit erstehen
müssen. Dass das ganze Gebäude
aus dünnen und verfälschten Materialien
hergestellt ist, beeinträchtigt
natürlich die Wirkung.
Zwei Seitenflügel schliessen sich
in der Fassade an den Mittelbau,
vor den eine ausgebauchte Vorhalle
gelegt ist. Im Inneren gehen
von der Kuppelhalle strahlenförmig
Galerien aus, die dann verzweigt,
verästelt, verbreitert und verengt,
in Sackgassen endend und zu neuen
Ausbuchtungen führend, ein förmliches
Labyrinth bilden, in dem
sich zurecht zu finden, nicht allzu
leicht ist. Und all diese Galerien
sind gefüllt mit Interieurs und Ob-
jets d'art. Ueberlegt man aber dann
so recht und ohne üble Absicht,
wie viel Raum wohl nötig gewesen
wäre, um die Standard Works und
die künstlerischen Neuheiten, soweit
sie in Turin sind, zu vereinigen
, so kommt man zu der Ansicht
, dass in drei oder höchstens
vier mittelgrossen Sälen alles aufs
beste unterzubringen gewesen wäre.
Und man träumt von einer wirklich
künstlerischen Ausstellung, der
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