Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 6. Band.1902
Seite: 410
(PDF, 126 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0432
-s^4^> DIE SEKTION SCHOTTLAND <^=^

prächtige Hauptwerk eines Platzes oder
Strassenbildes um so entschiedener hervortreten
Hessen, ja gerade durch diesen Kontrast
die schönste Schauwirkung erzielten.

Der Reiz mancher Architektur ist auch oft
auf erzwungene und bestimmte Sehdistanzen
berechnet. Diese Ueberschneidungen vorragender
Risalite, die Plastik solcher Profile
verlangen Seitenblick. Daher kann schon
eine Verbreiterung der Strasse die Wirkung
des alten Bauwerkes beeinträchtigen.

So muss eine gotische Kathedrale mit
ihren Türmen, Strebebögen, Fialen und all
dem Masswerk durch ihre Höhenentwicklung
das ganze benachbarte Stadtbild weit überragen
, obgleich die Verhältnisse der anliegenden
Strassen und Plätze denselben
mehr hochstrebenden, beengenden Tendenzen
folgen sollen.

Ein Strassburger Münster vollständig freigelegt
auf einem Riesenplatz ä la Place de
la Concorde, oder von sieben bis sechzehn
Stock hohen amerikanischen Häusern umgeben
, wäre vernichtet. Oder: Ein prunkvoller
Barockpalast mit flachem Kuppeldach
und überreicher Verzierung, ursprünglich
zwei Stockwerk hohen schlichten Häuserfronten
eingebaut, wird in seiner Wirkung

E. A. TAYLOR « PANEEL AUS IN BLEI
GEFASSTEM FARBIGEN GLAS ««««

E. A. TAYLOR « PANEEL AUS IN BLEI
GEFASSTEM FARBIGEN GLAS « « « «

geschädigt, sobald demselben ein Zinshaus
mit Pagodenkuppel und aufdringlichen Fassadeneffekten
angefügt wird. Die Erkenntnis
eines Naturspieles kann nur durch Vergleiche,
durch das Abwägen der Kontraste, durch das
Unterscheiden empfangener Eindrücke erreicht
werden. Das ist geistiger Genuss!
Durch Betrachtung des Dinges an sich ist
noch kein Forscher zum Verständnis gekommen
. Sind Kunstwerke etwas anderes
als Naturprodukte? Verlangen sie nicht auch
Erkenntnis und daher Vergleichung? Entzieht
man ihnen ihre Umgebung, ihre Wertmesser
worauf sie berechnet waren, so zerstört
man sie.

Obwohl die Architektur des XIX. Jahrhunderts
bei allen möglichen Stilarten in die
Schule ging, büsste sie, wie H. Muthesius
sagt, nicht nur jeden eigenen Halt und jedes
architektonische Bewusstsein ein, sie verlernte
auch das unbefangene Sehen, die natürliche
Selbstkritik.

Bei diesem Kunststudium nach alten Vorbildern
verlor sich der Baukünstler in Details,
der gesunde Blick für die Gesamtheit, für
die veränderten Proportionen, versiegte. Heute
jagt er ebenso Einzelmotiven, Aeusserlich-
keiten, leeren Fassadeneffekten nach, nur
mit dem Unterschied, dass er nicht die älteren
Auflagen aus den siebziger und achtziger
Jahren seiner Fachlitteratur durchblättert,
sondern in den neuesten Monatsheften Inspirationen
für „individuelle, modern eigenartige
" Formen und Fassadenkombinationen
sucht. In den Fachzeitschriften, in den

410


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0432