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-s?=^> UNSER MONUMENTALES GESAMTEMPFINDEN <^^=-
Neuerscheinungen unternehmungslustiger, den
Zeitgeist klug ausspähender Verleger, begegnen
wir immer neuen rein äusserlichen
Motiven und Details für neuzeitliche Fassaden,
ohne Grundrisslösungen.
Diese Thatsachen gewähren uns einen allzutiefen
Einblick in die Geheimnisse unserer
Baukanzleien, und deuten uns an, welch
künstlerisches Empfinden da von 8—12 und
2—5 Uhr die angehenden Bauräte beseelen mag.
Ohne der Architektenschaft nahe treten zu
wollen, in deren Reihen wir die hervorragendsten
Pioniere moderner Kunstbewegungen
begrüssen und es wahrlich niemals
an bedeutenden grossen Künstlernaturen gefehlt
hat, bildet die grosse Mehrheit derselben
heute eine geschlossene, eigensinnige Partei,
die sich,,als die Krone des modernen Menschen
in seiner glücklichen Vereinigung von Idealismus
und Realismus" betrachtet.
Parteistandpunkt bedeutet aber nicht sehen
wollen, nicht erkennen wollen, sagte gerade jener
Denker, dessen Herrenmoral und Willen zur
Macht oft missverstanden in Phrasen und
leeren Thaten heutigen Tages ausgebeutet
wurde. Daraus erklärt sich aber auch das
starre Festhalten an allen alten längst erkannten
Vorurteilen bei Städteregulierungen,
Konkurrenzen und allen möglichen Denkmals-
affairen.
Für diese Kreise existiert nicht der seit
1890 in drei Auflagen erschienene „Städtebau"
von Camillo Sitte, ein Buch, welches gründlichste
Erfahrung mit künstlerisch feinfühlendem
Blick vereint und in klarster Weise die
Schäden und krankhaften Vorurteile moderner
Verkehrstechnik blosslegt.
Man baut weiter neue Kirchen in denkbar
unglücklichster Lage, reguliert und zerstört
in gleich beschränkter Weise.
Jeder Unbefangene muss die Richtigkeit,
die logischen Schlussfolgerungerl, den künstlerischen
und ökonomischen Wert solcher Erfahrungen
und Beweise anerkennen. Niemand
vermag sie zu widerlegen, und trotzdem
wird gegen den gesunden Menschenverstand
und Geschmack fortgesündigt?
Verhältnismässig geringe Ergebnisse erzielten
Alfred Lichtwark und manch anderer,
für moderne Reformen thätiger Schriftsteller.
Doch dadurch und mit den günstigen Resultaten
auf dem Gebiete der angewandten Künste
ist der Samen gesät; fruchtbringende, ver-
heissungsvolle Keime wogen schwebend in
den warmen Frühlingslüften, es gilt nur noch
die fette nach Befruchtung lechzende Scholle
kräftig aufzuwühlen, um sie für die neue Saat
empfänglich zu machen.
Es wäre aber für den dauernden Erfolg
unserer Kunstbewegung ein verhängnisvoller
Irrtum, wenn der neue Geist sich auf kleinlichen
Formenkram beschränken würde.
Niemand bestreitet, dass neue Konstruktionen
, neues Material, selbst erhöhte Löhne,
andere Weisen fordern ; aber Architektur ist
vor allem Raumkunst, und veränderte Zeiten
verlangen neue Raumverhältnisse. Vom
Raum heraus baut man, und hier hat die
Reformation einzusetzen.
KUPFERNER LÜSTER FÜR ELEKTRISCHES
LICHT « ENTWORFEN VON JOHN EDNIE «
AUSGEFÜHRT VON S. C. EDNIE, EDINBURG
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