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-g=^> DIE KARLSRUHER JUBILÄUMSAUSSTELLUNG <^=^
Eindruck. Zuerst verblüffte das Nebeneinander
so vieler Formungen und Farben. Allmählich
löste sich's auf zur Klarheit, fiel die Spreu
vom Weizen ab. Es gliederten sich die Motive.
Die vielen Dresdener Silhouetten - wie verlockend
kam die Ausstellungsstadt den Künstlern
damit entgegen! — Hessen erstlich Dresdener
Werke erkennen. Im übrigen herrschte
ein buntes Gemisch, darunter mancher Nachklang
von bewährtem Alten. Man sah einen
Kopf, wie von der Germania auf dem Niederwald
, einen „Schreihals", wie auf dem 1897er
Kunstausstellungs - Plakat (Dresden), hehre
Stadtgöttinnen mit Mauerkronen im Haar,
wie auf den neapolitanischen Lavaschnitzereien.
HERMANN BILLING • CREDENZ
Die Heraldik, die alte deutsche Sage und
Geschichte, der Patriotismus sind mächtig
aufgelebt; auch zoologische Studien wurden
verwandt. Man sah in visionärem Zustande
Heinrich den Städtebauer, römische Krieger,
Herolde, den Merkur, einen Roland, die Freia,
dann Adler, Löwen, eine Eule, eine - Spinne
sogar. Einer bekannte sich zum Bund der Landwirte
, stellte einen Reiter aus. Seltsam berührte
eine über der Stadt schwebende Harpyie,
seltsamer ein schwebender Kopf mit weisser
Binde, darauf eine Inschrift. Zwei knieende
Akte hatten Binden mit Städteprofilen um
den Leib. Auch ragten aus bergiger Erde
zwei Hände, die einen Stadtblock trugen.
Besser als fast alle diese
wirkten schon die „Blicke
aus der Höhe", vor allem ein
trefflicher Akt in Rückenansicht
, der in der Laterne
eines Turms die Posaune
blies — „de profundis" —
und ein anderes Blatt, wo
vielartige Turmspitzen ins
Blaue strebten.
Damit treten wir unter die
im strengeren Sinne Modernen
, welche echteste Plakatkunst
gaben, je einfacher,
desto besser. Hierzu gehört
der Entwurf „Elektrizität
und Baukunst", der freilich
vom eigentlichen Gegenstand
etwas abweicht. Auch
sonst war übrigens die
Elektrizität mehrfach in den
Vordergrund gerückt, so
auf dem (zum Ankauf empfohlenen
) stimmungsvollen
Bild „Heiliger Florian", das
einen Ritter in blauem Stahlgewand
zeigt, eine Reminis-
zens an den „Hüter des
Thals" von Hans Thoma.
Immer kleiner wird der
Kreis derer, die sich auf
die sparsamsten Ausdrucksmittel
beschränken, und diesen
wurde der Preis zuerkannt
. Der Künstler des
„Grundstein" schuf ein lapidares
Werk in besonders eindringlichen
, etwas schweren
Farben. Die Träger des
dritten Preises, Klemm und
RössLER-Dresden, übrigens
die Urheber des vorjährigen
„Grünen Jungen", zeigten
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