Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 6. Band.1902
Seite: 432
(PDF, 126 MB)
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OTTO ECKMANN f

OTTO ECKMANN (f 11. JUNI)

Ein rastloser
Arbeitsdrang
ist nun
zur Ruhe gebracht
, eine
stetig wachsende
Begabung
in der
Blüte vernichtet
. Mit aufrichtigen
Sympathiegefühlen
haben wir von
einem der ältesten
Mitarbeiter
unserer
Bewegung Abschied
zu nehmen
, und mit
lebhafter Teilnahme
betrachten wir das schwere Schicksal
eines reichen Talentes.

Die Krankheit, die dieses Leben allzu früh
vernichtet hat, verlieh ihm auch einen eigenen
Zauber und half eine Kunst gestalten, worüber
wir so oft Gelegenheit hatten, uns zu freuen
und auch wohl zu ereifern. In den Zuständen
der langsam aber stetig fortschreitenden Auflösung
ist diese Begabung sensibel geworden,
die Nervosität hat sie zur Produktivität geführt
. In den verklärenden Stimmungen des
Sterbens wurden alle ästhetischen Empfindungen
zart und aristokratisch, mit leisem
Walten lenkte der Tod die Sinne auf die
feinen Nuancen der Schönheit, die im derb
gesunden Gefühl nicht lange haften. Die im
Grunde unpoetische Natur, der nicht ungewöhnliche
Intellekt metamorphosierten sich
in Nervenkrisen und der Kunsthandwerker
starb als Maler-Poet. Wenn die Phthisis uns
den Künstler grausam früh raubte, so hat doch
sie auch viele der Eigenschaften entwickelt,
die ihn uns wert machten.

So ist auch gleich die Stellung Eckmann's
innerhalb der Bewegung gekennzeichnet. An
der Entwicklung der praktischen Nutzkunst hat
er weniger Anteil, als es noch scheinen mag,
denn er war stets der geistreiche, zartnervige
Dekorateur, nie der Architekt. Seine Kunst
ist nicht anders eine angewandte gewesen als
im ästhetischen Sinne. Nach dieser Seite
aber hat sie wesentliche Dienste geleistet
und neue Möglichkeiten gezeigt, die von der
Universalität der modernen Stilidee beredtes

Zeugnis ablegen. Eckmann war unter den
deutschen Reorganisatoren der interessanteste,
nicht der tiefste, produzierte das graziöse
Paradoxon, berauschte das Urteil mit dem
zarten Parfüm einer phantastischen Eleganz und
entwaffnete den kritischen Einwand durch die
moussierende Sinnlichkeit des Anschauungsvermögens
. Wie wenige war er dem Zwange
seiner fast physiologisch zu begreifenden Begabung
unterworfen. Dieses Talent war wie
ein Organ mit scharf begrenztem Machtbereich.
Der Erfolg war gross und musste kommen,
weil die Mischung der Begabung den Frauen
so sehr gefiel. Diese Rattenfängerkunst
schmeichelte und streichelte die vornehmen
Damen um alle Besinnung. So hat den
Künstler ein wachsender Beifall begleitet, und
er stand sicherer da, als irgend einer seiner
Kollegen.

Berlin verliert viel mit ihm. In des Reiches
Hauptstadt war er fast der Einzige, der Handwerk
und Industrie anzuregen wusste. Freilich
war es oft mehr Aufregung als Anregung,
was seine Kunst hervorrief, der die Kraft
einer fortzeugenden Idee fehlte. Alles in
allem: er schuf nur eine Mode; aber die
feinste und ehrlichste, die Berlin seit fünfzig
Jahren erlebt hat. Wie sein Erscheinen
Episode geblieben ist, so auch sein Wirken;
dennoch hat er das Neue schneller einführen
helfen, als irgend ein Anderer es gekonnt
hätte. Indem er das fanatisch Tendenzhafte geschmeidig
machte, popularisierte er die Idee.

Seine Unzulänglichkeit war Schicksal. Was
irgend an Talent in ihm lag, hat er mit
männlichem Eifer aus sich herausgearbeitet
und seine widerstrebende Natur gezwungen,
Blüten zu treiben, die so fremdartig wie schön,
so berauschend wie vergänglich sind. In der
Geschichte der neuen angewandten Kunst
wird er — der pathologische Dekadent
als einer der ersten Pioniere zu nennen
sein, und wenn man später von ihm und
seiner Art spricht, so wird es mit sinnendem
Lächeln geschehen, so wie man von einer
verblassenden Erinnerung spricht, die einen
zarten Abglanz einstiger Erregungen trägt,
und man wird so an ihn denken, wie an alle
jung Gestorbenen, die mit der Gloriole ihrer
Jugend um die Stirn, trotz ihrer Leiden, als
Sonntagskinder im Gedächtnis fortleben.
Friedenau Karl Scheffler

Für die Redaktion verantwortlich: H. BRUCKMANN, München.
Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. München, Nymphenburgerstr. 86. — Druck von Alphons Bruckmann, München.


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