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WALTER LEISTIKOW « SUPRAPORTE IN BRUNO MOHRING'S
EMPFANGSRAUM AUF DER TURINER AUSSTELLUNG «««««««
DIE TURINER AUSSTELLUNG (Fortsetzung):
VON DER DEUTSCHEN ABTEILUNG
Ich komme mit einem Danaergeschenk:
ich bringe meine klare und unverhüllte
Meinung über die deutschen Leistungen der
Turiner Kirmes. Es wird mir's keiner
danken; aber ich will dennoch nicht verhehlen
, dass die arge Mittelmässigkeit
herrscht. Vergeblich habe ich gewartet, dass
Wochen nach der Eröffnung die Sektion endlich
fertig werde; denn immer hoffte ich
noch, dass irgendwo in einem Winkel das
Neue, das Kräftige, die That der Persönlichkeit
auftauchen werde. Die Mittelmässigkeit
herrscht. Da und dort ein anständiges
Zimmer. Hie und da eine brave Arbeit.
Aber die Eigenart sucht man vergeblich.
Und von künstlerischer Laune, von konstruktiver
Phantasie, von Farbenfreude ist so herzlich
wenig zu sehen.
Vor allem : es ist wiederum nichts wie ein
Nebeneinander von Ausstellungsräumen und
Vitrinen. Es scheint, dass sich niemand
darum gekümmert hat, wie ein Raum zum
Nachbarn wirken wird, was da für eine Perspektive
erstehen, für eine Farbendissonanz
sich ergeben wird. Es hat allerlei Konferenzen
gegeben, - - das weiss man aus Pressnotizen,
mit denen ja nie gespart wird. Es hat tausend
Intriguen, Uneinigkeiten, Zänkereien gegeben
— das zu wissen, bedarf es gar keiner geheimnisvollen
Nachrichten. Ein Gang durch
die Ausstellung in den ersten Wochen nach
der Eröffnung und eine Prüfung der Gesamtanlage
sagt genug. Es ist nicht genug zu
tadeln, dass man an keinem Plane für die
Verteilung der Räume festgehalten hat. Der
Grundriss selbst — für die Installation ist
Herr von Berlepsch verantwortlich — ist
ein Fuchsbau; ich habe nie einen klaren
Dekorative Kunst. V. 12. September 1902.
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