http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_06_1902/0456
-^^> DIE TURINER AUSSTELLUNG ~C^^
Begriff dieser labyrinthartig verzweigten, ineinandergeschachtelten
Anlage bekommen
können, und manchem Fachmann ging es wie
mir. Nun, es mag hierfür die Ursache in
äusseren Notwendigkeiten und Hemmungen
gelegen haben. Unverständlich und unverzeihlich
aber ist die Art der Auswahl der Künstler
, die sich beteiligten, das erbärmlich unkünstlerische
Niveau manches zugelassenen
Raumes (von Klein-„Kunst" will ich gar nicht
sprechen), wie es in der Auslage eines mittleren
Industriebazars kaum auffällt, und vor allem:
dass man gar nicht an eine Arbeitsverteilung
gedacht hat. Ich denke, nichts wäre näher
gelegen —■ und hätte gewiss keine Beeinträchtigung
der künstlerischen Freiheit eines
Einzelnen bedeutet - - als sich zu verständigen
, wer einen Speiseraum, wer ein Schlafzimmer
, wer ein Arbeitszimmer und wer ein
Dameninterieur entwirft. Das scheint nicht
geschehen oder doch nicht eingehalten worden
zu sein. Ich habe drei oder vier weite,
nutzlose, jedes Ausdrucks und jeder grossen
Eigenart entbehrende Empfangshallen gesehen
, eine Diele, ein paar kleine Frühstücksund
Arbeitszimmerchen, ein Speisezimmer
und manchen Ausstellungsraum. Aber ich
entsinne mich keines einzigen Schlafzimmers,
keines wirklichen Wohnzimmers und keines
grossen Arbeitsraumes. Es ist keine Küche
da, es ist kein Badezimmer da, niemandem
fiel es ein, ein Vorzimmer zu machen.
Und da man im letzten Jahre so hübsch viel
von Kunsterziehung, von der Anleitung des
Kindes zum künstlerischen Sehen und Geniessen
sprach, so ist es ja — bei der praktischen
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