Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 6. Band.1902
Seite: 436
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-sj=4sö> DIE TURINER AUSSTELLUNG

HERMANN BILLING « EMPFANGSHALLE

Art unseres Kunsthandwerks - - ganz selbstverständlich
, dass kein Kinderzimmer
da ist. Man wird wahrhaftig ganz verärgert
und vielleicht (wenn's möglich ist) zu hart,
aber ich erinnere mich, dass vor zwei Jahren
in einer Londoner ganz unkünstlerischen
Ausstellung in Earl's Court draussen, wo
man sonst hingeht, um den Strips and Star's
Marsch zu hören und kleine vergnügte Mädchen
zu sehen, Künstler vom ersten Range
wie Cecil Aldin und Hassal Kinderzimmer
ausstellten, ohne dass man Kunsterziehungstage
abgehalten und bei Banketten vom
Primavere del Arte moderna schöne Phrasen
gesagt hätte. — Ich muss ja allerdings anmerken
, dass ich drei oder vier Räume nicht
gesehen habe; die Münchener und Elsässer
waren noch vierzehn Tage nach der Eröffnung
nicht fertig; doch sind die Münchener Interieurs
schon von Ausstellungen der vergangenen
Jahre her bekannt und können am
Gesamteindrucke so wenig ändern wie der
eine elsässische Raum. Es war mir auch
unmöglich, die Dresdener Räume der Geschwister
Kleinhempel, die mir jedoch sehr
gerühmt wurden, zu sehen. — Schliesslich kann
ich aber nicht verschweigen, dass es eben
auch arg genug ist, dass die Abteilung nicht
einmal mit stattlicher Verspätung fertig
wurde. Zumal, da der Erfolg so ist . . . .
Ich habe einige Gründe des Misslingens

schon angedeutet: die verkehrte Anlage, die
mangelnde Einigkeit. Dazu kam hier wie
überall die Fülle der Ausstellungen, die
Ueberhitztheit der Arbeit. Von alledem
habe ich nun schon zum Ueberdrusse oft
sprechen müssen. Ein wesentlicher Mangel
des deutschen Kunsthandwerks, wie er sich
auch hier wieder erweist, liegt in der Abge-
wandtheit vom Leben. Sieht man von ein paar
glänzenden Keramiken von Schmuz-Baudiss,
vom Kayserzinn, von ein paar Textilarbeiten
ab, so findet man nur allerlei Fabrikwaren,
die äusserlich mit den gewissen, verhassten
modernen Schnörkeln versehen sind. Die
Räume selbst sind mit geringen Ausnahmen
nur für Ausstellungswirkungen gemacht; ich
wollte keinen einzigen von ihnen haben. Sie
sind entweder zu feierlich, zu mühsam prunkvoll
, oder zu langweilig, ohne doch ökonomisch
zu sein. Ich will nicht in die Weite gehen.
Mein Urteil steht nun da. Ich habe in Turin
bestätigt gefunden, was man schon anlässlich
mancher anderen lokalen Ausstellung sagen
musste: die Talente fehlen nicht. Nur der
Weg, der gegangen wird, ist falsch. Es fehlt
am prüfenden Masse, an der Selbstzucht.
Und leider fehlt es auch allzu oft am sorgsamen
Handwerk. Die Turiner Räume sind
zumeist weitaus schlechter gearbeitet, als
die deutschen Interieurs in Paris 1900 es
waren.

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