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-e*4sö> DIE TURINER AUSSTELLUNG
DIE SEKTION FRANKREICH
Als gleichtönenden Refrain muss ich jedem
Berichte über eine Abteilung der Turiner
Ausstellung vorausschicken, dass man sich
hüten müsse, das Bild der nationalen Produktion
, das da geboten wird, für einen getreuen
Spiegel der Wirklichkeit zu nehmen.
Wie England, wie Amerika, so hat auch
Frankreich nur höchst lückenhaft ausgestellt.
Es ist ja nur zu bedauern, nicht zu verwundern
, dass dies so ist. Allein, wie soll
ein starker und fruchtbarer Eindruck erstehen
, wenn, um nur einige zu nennen:
Galle, Lalique, Delaherche, Lachenal,
fehlen? Und wenn nicht ein einziges Interieur
einen Begriff davon zu vermitteln bereit ist,
wie jenes Volk lebt, das die allerstärkste
Tradition der Wohnungskunst besitzt. Um
diesen Brennpunkt der Tradition und Tradi-
tionslosigkeit scheint sich der Leser wird
es aus diesen Glossen, die dieses Leitmotiv
abwandeln, bereits erkannt haben — hier
aber alles zu gruppieren. Man sieht die
Länder, die nie eine eigenartige dekorative
Kunst besessen haben, tastend, unsicher ihren
Weg suchen, Bizarrerien anheimfallen, jeder
Grundlage entbehren, der Gefahr der äusser-
lichen Nachahmung immer ausgesetzt. Man
sieht die Künstler anderer Länder unter der
ruhmvollen Last der Kunst vergangener Jahrhunderte
keuchen, das Publikum bestrickt
von den alten Formen hochmütig die neuen
Versuche abweisen. Von solcher Art scheint
das Schicksal Frankreichs zu sein. Die Versuche
des letzten Jahrzehntes sind, was die
Wohnungskunst anbelangt, sämtlich missglückt
; die Revolutionäre kehren sich oft
und oft alten Zielen zu. In der Kleinkunst
steht es ja besser. Die Bibelots der Zeiten
wechseln, die Lust an ihnen bleibt diesem
spielerischen, tändelnden Volke, diesen Menschen
der ville de la ville ewig erhalten.
Auf die Platte des Kamins ein neues Glas
zu stellen, die neuentdeckten Reize der Farben
auf Töpfen, Stoffen, leichten Seiden spielen
zu lassen, ist jeder entschlossen, — den
Rahmen der Wohnung selbst aber hält man
zähe fest. Die Stile der Könige herrschen.
Und an das Louis XVI. knüpfen die modernen
Architekten soeben wieder an. Die
Brüder Goncourt, die ersten Modernen, die
Agitatoren japanischer Weise, waren es
auch, die dem Stil des 18. Jahrhunderts
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