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FRANZ VON LENBACH -C^=^
fühl eingegeben ist: daß er den Menschen,
den Mann von geistiger Bedeutung, in dem
Moment der vollkommenen Ruhe oder nur
ganz leicht angedeuteten Bewegung, schildert.
Als Gegensatz hierzu hebt er die stille feierliche
Ruhe dadurch auf, daß er das ganze
seelische Leben, die ganze menschliche, gewaltig
pulsierende Leidenschaft durch die im
wechselvollen Spiele durchzitternden Gesichtsmuskeln
, durch die sprechenden Lippen,
durch das momentan blitzartig aufleuchtende
Auge bis zum Dramatischen hervorbrechen
läßt. Im Menschenantlitz, diesem Spiegel
der Seele, versenkt er sein ganzes Ich mit
einer Leidenschaft, die keine Grenzen kennt.
Hat er ein interessantes „Thema" — Lenbach
nennt seine Bildnisse so, — dann studiert er
daran, bis dieses Thema ganz und voll erschöpft
ist. Auch dann kann er noch sagen,
daß er es noch weiter bringen möchte, wenn
man die Menschen zum Sitzen nur immer so
haben könnte, wie man wolle, ohne sie zu
plagen. Ein Beispiel solch eminenter Schilderung
ist ein schon älteres Bildnis des verstorbenen
Stiftsprobstes Döllinger (s. Abb. a. S. 8),
dessen Augen forschend, gedankentief aus dem
markanten Kopfe hervorleuchten; besser noch
das unlängst meisterhaft vollendete Bildnis
Dr. Hammachers (s. Abb. a. S. 9). Wie hier
und in einigen Bismarckporträts (auch die hier
veröffentlichte Bismarck-Studie kann diesen
hinzugezählt werden) hat Lenbach selten etwas
geschaffen, was vollendetere Kunst ist. — Man
sehe sich speziell das Hammacher-Porträt einmal
genau an: da trägt nicht allein alles den
unverkennbaren Stempel subjektivster Wahrheit
, in der malerischen und plastischen Erscheinung
der dargestellten Person, in der
feinen Rundung des Schädels und der (auch
in der schlichten Schwarz-Weiß-Wiedergabe
zu ahnenden) gesunden Farbenfrische, die,
man mag von alter oder moderner Anschauung
ausgehen, unanfechtbar dasteht, sondern mehr
noch in dem Betonen und Hervorheben des
Ausdrucks dieses Parlamentariers, den man
sprechen zu hören glaubt. Und gerade auch
die kongeniale Erfassung der gewaltigen Persönlichkeit
Bismarcks ist es, die dessen Bildnisse
von der Hand Lenbachs zu einem der
wertvollsten künstlerischen Geschenke an das
deutsche Volk gemacht hat.
So erfreulich uns deshalb jetzt die Tatsache
ist, daß wir in Lenbach jenen Meister besitzen,
um den uns das ganze Ausland beneidet: schier
bedauern möchte man doch wieder, daß er
nicht früher gelebt, wenn man bedenkt, daß gerade
unsere großen nationalen Dichter Goethe
und Schiller keinen solch ebenbürtigen Por-
trätisten gefunden haben. Und wenn auch der
Dresdener Hofmaler Anton Graff Schiller und
so manche andere Geistesgröße seiner Zeit
gemalt hat und dabei technisch allen seinen
Kollegen voraus war, sogar auch von dem
Geiste eines Menschen etwas in seine Werke
hineinbrachte: über eine gewisse Biederkeit
und Spießbürgerlichkeit kam er nicht hinaus;
die ganze geistige Bedeutung seiner berühmten
Mitmenschen wußte er nicht hervorzuheben,
das schnelle Erfassen und Festbannen seines
Objektes, das, was Lenbach anscheinend so
spielend kann, war ihm versagt. Graff erzählte
selbst, wie sehr ihm Schiller „die
größte Not gemacht habe. Das war ein unruhiger
Geist, der hatte, wie wir sagen, kein
Sitzfleisch". Aber gerade dieses schnelle
Auffassen eines Charakters und fabelhaft
rasche Malenkönnen ist eine wesentliche
Stärke Lenbach'scher Kunst, wie dies deutlich
aus dem flott hingeschriebenen Porträt Fridtjof
Nansens (s. S. 26) spricht, dessen leuchtende
Augen fest in die Ferne auf das ersehnte
Ziel gerichtet erscheinen. Da spricht Mut
und Entschlossenheit, unbeugsame Willenskraft
, die trotzig allen Gefahren entgegentritt
. Hier ist der Ausdruck des Auges, wie
auch in dem knorrigen Schädel unseres
großen Menschenfreundes Pettenkofer (s. S. 23)
beinahe alles, und diese Augen nehmen den Beschauer
gefangen, fesseln ihn derart, daß man
nachher nicht einmal im stände ist, anzugeben,
welche Farbe sie hatten. Und wie Lenbach hier
schon das Nebensächliche, die Farbe, dem
Hauptsächlichen, dem Ausdrucke opfert, so
konzentriert er alles bei der ganzen Figur auf
den Kopf. Da trägt er hinein, was seine Seele
bewegt, von den Augen und Augenbrauen
an bis zur kräftigen Silhouette des Schädels,
und das ist's, was den dauerndsten und einschneidendsten
Eindruck hinterläßt und nie
das Gefühl des Modellstudiums hervorruft,
wie bei seinem größten Antipoden Leibi,
der dem materiellen Wesen, dem Greifbaren
der Dinge forschend nachging. Wenn Leibi
sein Objekt anblickte, dann suchten seine
scharfen Augen auf der Oberfläche der Haut
herum, um ihre Struktur zu verfolgen, und
man fühlte, wie er sich nun im Geiste zurechtlegte
, das Gesehene technisch wiedergeben
zu können. Ganz das Gegenteil davon
Lenbach. Hat er den Geist erfaßt und
damit in großen Zügen das Gewollte erreicht
, so vermag ihn das Uebrige nicht
mehr zu interessieren. Daher die Erscheinung
, daß er oft dem Beschauer unvollendet
vorkommende Werke als vollendete gelten
ließ, sobald er das Wesentlichste, den Aus-
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