Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 8
(PDF, 173 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_07_1903/0026
-sr^> FRANZ VON LENBACH <&2^

Werk, bei dem der Bildniszweck ebenfalls nicht
so ganz die Hauptsache ist, das mehr wie ein
Ideal, ein Heiligenbild anmutet, ist das seelenvolle
Porträt der Gräfin Knyphausen (s. S. 24).
Auch die Darstellung der Gattin des Meisters
mit dem kleinen Töchterchen (s. S. 13)
ist von einem religiösen, frommen Hauche
durchweht. Leider ist in unserer Zeit der
Begriff religiöse Kunst mehr denn je ein zu
eng begrenzter geworden, da man kirchlich
mit religiös zu verwechseln beliebt. Wenn
man sich aber einmal Mühe geben möchte,
dieses uralte Thema der von höchster Wonne
und reinster Freude beseelten Mutterliebe,
die Madonna mit dem Kinde, in den Meisterwerken
aller Kulturepochen zu verfolgen, so
würde man sehen, wie jeder echte Künstler
das rührende Bild von Mutter und Kind in
seiner direkten Umgebung bei jeder Frau,
welche Mutter ist, gesehen hat und wenn
der Künstler das Heiligste hineintrug, so
kam es aus seiner Seele und aus dem, was
die göttliche Natur ihm zeigte; denn auch

FRANZ VON LENBACH

STIFTSPROBST DOLLINGER

die alten Meister hatten zu viel Realitätssinn
in ihren Knochen, als daß sie gewagt hätten,
ein Bild der Gottheit zu malen, das nicht
auf rein menschlichen Eigenschaften gegründet
wäre. Man nehme ruhig den Madonnen
der großen Niederländer und Italiener
, den Madonnen Dürers und Holbeins
die sie umhüllenden Gewänder, den Schmuck
und die Heiligenscheine, und wir haben im
künstlerischen Gedanken genau dasselbe auch
bei Lenbach in diesem Bilde. Damit soll
nun absolut nicht für ängstliche Gemüter gesagt
sein, hier unbedingt ein Madonnenbild
sehen zu müssen.

Bei der Verschiedenartigkeit der Werke
Lenbachs in den geschilderten Charakteren,
wie sie aus allen Ständen und Kreisen, ins-
besonders der Spitzen des Geistes und der
Adelsaristokratie in Fülle uns vor Augen
geführt werden, ist es wohl nicht zu viel
behauptet, daß er alle erdenklichen menschlichen
Eigenschaften verkörpert, und daß
vor ihm wohl kein anderer so die Seelenstimmungen
seiner Mitmenschen in der
äußeren Erscheinung festhalten
konnte. Selbst das unbeschriebene
reine Kinderantlitz, früher selten
dargestellt, wählt Lenbach in neuerer
Zeit gerne als Motiv, und wie
er hier das unschuldsvolle Unberührte
, das unbewußt Naive eines
Kinderköpfchens schildert, das zeigt
er in den Bildnissen seines Töchterchens
Gabriele, die von rührender
Anmut sind. Zumal der Vater hier
durch das Skizzenhafte die flüchtigen
Momente der Bewegung und des
großen unverstandenen Schauens
erlauschte und festhielt, ohne in
Starrheit zu geraten, eine der gefährlichsten
Klippen bei solchen
Problemen. Da ist die kleine Gabriele
stehend mit einem hölzernen
Pferdchen (s. S. 30), dann sitzend
(s.S. 21), dann ist nur das lachende
Köpfchen wiedergegeben (s. S. 20),
das in der Technik einem Hals'schen
Gemälde in nichts nachsteht. Margot
, die ältere Tochter, mit den
langen flachsblonden Locken, in
rotem Kleide als ganze Figur in
einer Landschaft stehend, ist ein
wunderbares Farbengedicht, wie
dies die hier gegebene Reproduktion
(s. Eröffnungsbild des Heftes}
schon ahnen läßt. Aber auch die
beste Abbildung kann nicht vollständig
die ganze große Kunst

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