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Monate an einem größeren Bilde gemalt, dabei
natürlich seine Studien aus früheren Jahren,
seine ganze Kenntnis der Natur, seine technische
Schulung mit verarbeitet. Er verlangt,
wenn er einen gewissen Namen hat, 6-10000M.
Ist das ein gerechtes Verhältnis? Es ist gewiß
nicht leicht, den Wert der künstlerischen
und gelehrten Arbeit gegen einander abzuschätzen
. Aber wenn man die Leistungen von
Männern miteinander vergleicht, die von ihren
Fachgenossen und dem Publikum ungefähr
gleich anerkannt werden, so ist kein
Zweifel, daß der Gelehrte sich unverhältnismäßig
schlechter steht als
der Künstler.
Man könnte erwidern: Der Maler
kann soviel fordern, weil er soviel
bekommt. Dem ist aber nicht so,
selbst nicht bei den anerkannten
Meistern. Die Sache liegt vielmehr
in den allermeisten Fällen umgekehrt.
Sie müssen soviel fordern, weil sie
zu wenig absetzen. Es ist ein offenes
Geheimnis, daß selbst anerkannte
Maler, Professoren an Akademien, die
von der Kritik günstig beurteilt werden
, oft im ganzen Jahre kein Bild
verkaufen. Die Folge davon ist die,
daß sie, wenn es ihnen einmal gelingt
, einen unverhältnismäßig hohen
Preis fordern müssen. So hat sich
allmählich ein Minimalsatz entwickelt,
unter den bei uns ein anerkannter
Maler nicht heruntergehen zu können
glaubt, ohne sein Renommee zu
schädigen.
Wie bildet sich nun dieser Preis?
In erster Linie durch die Ankäufe der
Galerien, die sich der besseren Bilder
bemächtigen müssen, solange sie noch
erschwinglich sind. Jeder Maler
strebt deshalb vor allem darnach, einmal ein
Bild an eine Galerie zu verkaufen. Der Preis,
den er dabei erzielt, ist für seine nächste Zukunft
entscheidend. Nimmt später die Nachfrage
nach seinen Bildern seitens anderer Galerien
oder seitens der Privatsammler zu, so
steigert er sich noch. Aber diese Steigerung
hat bei Lebzeiten ihre Grenzen. Nur ganz
wenigen ist es infolge besonderer Umstände
möglich, noch bei Lebzeiten Preise zu erreichen
, wie sie jetzt für große Künstler,
die kürzlich gestorben sind, im Kunsthandel
gezahlt werden.
Aber schon die durchschnittlichen Preise
der von der Kritik anerkannten Maler (6000 bis
10000 M. für ein größeres Bild) sind meines
Erachtens zu hoch. Erstens gehen sie über
die Mittel der meisten Privatleute und auch
vieler Galerien hinaus. Da der Etat der Käufer
beschränkt ist, so ergibt sich daraus eine unverhältnismäßige
Verringerung der Zahl der
Ankäufe. Und so erklärt es sich, daß selbst
renommierte Maler unverhältnismäßig wenig
absetzen. Ich habe in den letzten Jahren mehrere
Ateliers hervorragender Maler in verschiedenen
Städten Deutschlands besucht. Sie
hatten fast alle noch große Sammlungen unverkaufter
Bilder im Besitz. Man könnte
FRANZVON L E N BACH
YVETTE GUILBERT
ihre Argumentation also herumdrehen und
sagen: Ihr behauptet, ihr müßtet so hohe
Preise fordern, weil ihr so wenig verkauft.
Seid so gut und geht einmal etwas in den
Preisen herunter und ihr werdet sofort mehr
verkaufen. Hier handelt es sich also einfach
um einen falschen Zirkel.
Dann aber, und das ist ein sehr wichtiger
Punkt, diese hohen Preise schrecken das
Publikum überhaupt vom Kaufen ab und
schädigen so in bedenklicher Weise auch die
noch nicht anerkannten Künstler. Hierauf
möchte ich die Aufmerksamkeit ganz besonders
hinlenken. Ich kenne eine Menge ganz
wohlhabender Kunstfreunde, die einfach deshalb
kein Bild kaufen, weil sie nach den
ausnahmsweisen Beispielen, die zu ihrer
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