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-b-s^> ALBERT BARTHOLOME
beachte das sich Vorwärtsschieben in der
Hauptrichtung der Silhouette — drückt beide
Arme fest vor die Augen, das Schreckliche
nicht zu sehen: und von hinten, sich weit
vorbeugend, legt ihr der Gatte die Hände
milde auf die Schulter und küßt sie scheidend
aufs Haar. Und das letzte Paar: das
Weib sitzt aufrecht auf einem Sockel und
drückt mit dem Arm zugleich das einzige
Gewandstück vor die Augen, das herabfließend
die Knie und die Schenkel deckt. Keine will
den Tod sehen: der Sonne und dem Tod
kann man nicht gerade ins Antlitz sehen,
sagt La Rochefoucauld. Hinter ihr beugt sich
der ältliche Gefährte, wohl der Vater, müde
über sie, seine Stirn auf ihr Haar drückend.
Der Schmerz ist hier gedämpfter, die Haltung
ist gefaßter — werden die beiden gemeinsam
in die dunkle Pforte eingehen?
In der Mitte des Aufbaues öffnet sich ein
Tor in den Berg der Toten — ein Menschenpaar
schreitet gefaßt hinein. Im ersten Entwurf
(Abb. s. S. 44) suchten sie noch auf zwei
schmalen Bändern am Ufer eines schwarzen
Spaltes den Pfad, in dessen Tiefen man den
Acheron sich brausend denken konnte: noch
verständlicher wirkte da dieses sich an der
Wand hintasten. Festentschlossen, mit energischer
Bewegung, Anspannung aller Muskeln
schreitet der Mann vorwärts — der leichte
Luftzug, der aus dem Inneren bläst, weht ihm
die Haare zurück — er kreuzt die beiden
Arme über der Brust und hält zugleich mit
ihnen das Gewand fest, das sich an das vorgesetzte
rechte Bein gelegt hat. Ganz anders
die Bewegung des Weibes. Nicht so entschlossen
geht ihr Weg voran, sie sucht mit
der tastenden Linken eine Stütze an der kühlen
Wand, hält zugleich mit ihr den Schleier
fest, der herabgleitend ihre untere Hälfte
verhüllt. Das Haupt mit dem schönen vollen
Haar biegt sie rückwärts, als wollte sie noch
einen letzten Sonnenstrahl erhaschen. Die
Rechte aber legt sie, als eine natürliche
Brücke zwischen den beiden Figuren, auf die
Schulter des Geliebten. Es liegt alles in
dieser rührend einfachen Bewegung: Hilfesuchen
und zugleich trösten. Und vor allem
will sie dem Gefährten sagen, daß sie Seite
an Seite neben ihm den letzten Weg geht.
In der dunklen Höhlung des Sockels, der
wie eine Predella unter das Hauptbild tritt,
der versöhnende Schlußakkord. Unter dem
Tor des Todes öffnet sich eine steinerne
Grabkammer (Abb. s. S. 43.) In dem Sarge
liegt nebeneinander ein Ehepaar lang ausgestreckt
. In Leichenstarre ruhen die Körper,
die Füße sind starr gestreckt, die Muskeln der
Kniee gelöst, die Augen unter den Lidern
zur Seite gesunken. Das Haupt des Gatten
wird halb von dem Bahrtuch verdeckt, das
über den bloßen Boden gelegt ist. Aber die
Köpfe sind einander zugekehrt, die Arme
durcheinandergeschoben und die Hände übereinander
gelegt, es ist als ob der Gatte leise
die Hand der Geliebten an die Lippen hätte
ziehen wollen. Und über beider Schoß hingestreckt
, wie im Spielen eingeschlafen, das
Kind; auch sein Köpfchen leicht verhüllt.
Wie mitten aus dem Schlummer weggerufen,
erscheint dies Elternpaar als hätte die
ruhig und innig Vereinten plötzlich der Gifthauch
des Mont Pelee getroffen.
Ueber ihnen erhebt sich eine knieende
Gestalt, der Genius des Todes und der Unsterblichkeit
, mit beiden ausgestreckten Armen
leicht die schwere Platte über dem Grab
emporhebend. (Abb. s. S. 46.) Er ist flügellos
, als ein Weib gebildet, wie ihn Watts
gemalt hat; ein dünner Schleier, der hinter
ihm an dem Sargdeckel hinflattert, fällt von
der linken Schulter über den linken Schenkel
und sinkt noch in den Sarg hinab. Und in
dem Ausdruck des unbeschreiblich schönen
Kopfes und in dem Blick der gesenkten Augen
liegt eine Milde ohne Grenzen und eine Fülle
von weicher Güte. Zur Seite aber steht der
Spruch eingegraben, den Bartholome als eine
ArtLeitmotiv seinem Denkmal mitgeben wollte,
der Spruch aus Jesaias 9, 1, der im Matthäusevangelium
4, 16 aufgenommen wird: Sur
ceux qui habitaient le pays de l'ombre et
de la mort, une lumiere resplendit.
Dies Wort gibt zugleich den ganzen Gedanken
der großartigen Schöpfung. Es ist
unmöglich, sie mißzuverstehen. Bartholome
hat selbst den oberen Streifen erläutert: „Es
ist die Menschheit, die dem Tode entgegengeht
. Nicht alle sind Sterbende, doch alle
wenden sich der verhängnisvollen Pforte zu,
durch die die beiden Gatten eintreten. Ihr
Alter, ihr Fürchten, ihr Hoffen ist verschieden,
doch in meinem Geiste verbindet sie eine
große Einheit und dieser ganze obere Teil
hat nur die eine angegebene Bedeutung."
So ist auch der Grad der Furcht und des
Schmerzes in den beiden oberen Hälften ein
ganz verschiedener rechts gedämpft bis
auf die eine ganz zusammengebrochen am
Boden liegende Gestalt, links laut und leidenschaftlich
einsetzend und leise verklingend.
Nur die Einsamen verzagen; denen, die einen
Gefährten gefunden, erwächst in ihnen ein
Tröster und ein Genosse auch auf dem letzten
furchtbaren Wege. Deutlich predigt das Denkmal
den Gegensatz: auf der einen Seite das
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