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ALBERT BARTHOLOME
venargues: Les grandes pensees viennent du
icoeur. Und mit welcher großartigen und erhabenen
Einfachheit ist dieser Totengesang
Vorgetragen und mit welch keuscher Schönheit
sind diese Menschen innerlich gefüllt
und äußerlich bekleidet. Es ist die Keuschheit
, die die Quelle der großen Liebe ist.
Das ist ein Werk, das in seiner erhabenen
Feierlichkeit für alle Zeiten geschaffen erscheint
. Es ist schwer, ein plastisches Bildwerk
der modernen Kunst ihm an Ernst und
Wirkung zu vergleichen. Das Künstlerische
der Form spricht hier ebenso für sich wie
der tiefe und erschütternde Inhalt. Eduard
;von Gebhardt schrieb dem französischen
Meister, ganz ergriffen von dem ersten Eindruck
: sein Kunstwerk habe eine tiefe
moralische Bedeutung, man möchte Nachbildungen
davon in jeder Stadt sehen, und
wenn zwei Ehegatten im Unfrieden lebten
und sich zu entzweien drohten, solle man
sie vor das Bild dieser beiden in Liebe vereinten
Gatten geleiten, die mit verschränkten
Händen den ewigen Schlaf schliefen. . . .
Nur mit ein paar Worten braucht man
noch auf das rein Künstlerische der Arbeit
aufmerksam zu machen. Wie fein ist trotz
der Symmetrie der beiden Seiten doch das
Gleichmäßige der Umrißlinien vermieden.
Auf beiden Seiten senken sich die Linien,
DER TODESENGEL VOM
MONUMENTAUX MORTS
die fast parallel laufen, von links nach rechts
zu. Der linke Arm der holden jugendlichen
Gestalt, die dem Leben ihr letztes Adieu zuruft
, setzt diese Linie auf der rechten Seite
bis zum Rande fort. Wie im Ausdruck sind
auch in der Bewegung die beiden Hälften
geschieden. Links ein stürmisches der Mitte
Zustreben, das sich vorn bei der sitzenden
Alten gestaut hat, hinten bei dem trauernden
Vater erstirbt, rechts eine vorwärtsstrebende
Bewegung, die ins Stocken geraten ist. Und
wie sicher ist auch hier die Wiederholung
gleicher Linien vermieden. In den ruhigen
Fluß der Körperformen ist durch das Dazwischenlegen
der wenigen Gewandmassen
Abwechslung gebracht, besonders gern steht
der Körper gegen ein fein und weich gefälteltes
Tuch, das eine Art gestrichelten Hintergrund
bildet. Wie weise ist hier in der
linken Gruppe bei der Alten vorn und dem
eben erblühten Mädchen am Schluß der Unterkörper
verhüllt.
Man erinnert sich, was Adolf Hildebrand,
der doch wohl als berufenster Richter gelten
darf, am Eingang seines „Problems der Form
in der bildenden Kunst" über den Unterschied
von Gesichtsvorstellung und Bewegungsvorstellung
sagt. In weiterer Entfernung verschwinden
alle Tiefendimensionen und es
bleibt nur das übrig, was Hildebrand Fern-
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