Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 49
(PDF, 173 MB)
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-*-4sö> ALBERT BARTHOLOME <^s-

der Ausführung zu vergleichen. Man stelle das
Modell der linken Seitengruppe (Abb. s. S. 38)
neben das fertige Werk. Wie sind da im Laufe
der Arbeit die großen Linien viel schärfer accen-
tuiert worden, und wie vieles ist unmerklich
geändert! Bei der schlanken weiblichen, vorwärtsgebeugten
Figur erscheint der hintere
Umriß jetzt viel klarer, das erste ganz versteckte
jugendliche Weib streckt den linken
Arm flach an der Wand aus, um die allzu
regelmäßige Diagonale zu unterbrechen; durch
eine leichte Veränderung in den Händen ist
der Alte hinter der letzten Jungfrau jetzt zu
dieser in eine innige Beziehung gesetzt, und
wie viel durchdachter in der Wirkung ist die
leichte Gewandung in der ganzen Gruppe.
Mit bewundernswertem Geschick sind alle
störenden Fugen vermieden. Jede der beiden
Seitengruppen besteht aus nur zwei Blöcken,
und die enggeschlossenen Fugen laufen hinter
den Figuren, die sie überschneiden. Es ist
etwas so Ungewöhnliches heute, dies Leben
mit dem Stein, aber Bartholome hat diese
starke und männliche Tätigkeit mit frischer
gesunder Kraft erfüllt. Und wie bei den
Meistern der italienischen Renaissance ist es
ihm köstlicher Genuß, das Leben aus dem
toten Stein herauszuholen.

Hat Bartholome gar keine künstlerischen
Ahnen, ist er auch als Fertiger ganz Autodidakt
wie als Werdender? Sicher lag ihm
wohl die ägyptische Architektur im Sinn, als
er diese seltsame Mastaba ersann. Vielleicht
kannte er auch das schöne Votivmonument
aus Thasos, das sich im Louvre befindet, auf
dem Apollon und die Nymphen ruhig schreitend
einer dunklen Pforte sich nahen. Aber das
konnte doch höchstens in der Anordnung eine
rein äusserliche Anregung bieten.

Die herbe Formensprache seiner hageren
und schlanken Menschengestalten erinnert an
die großen Florentiner, manche Einzelheiten

selbst an Donatello - - aber auf ihrem heimi-

ii

sehen Boden lernte Bartholome die Italiener
doch erst kennen, als er längst die Arbeit
auf dem Pere-Lachaise selbst begonnen hatte.
Leonce Benedite hat in einem Aufsatz in
Art et decoration 1899 auf Vorfahren des
liegenden Ehepaars in der französischen Kunst
hingewiesen, auf die Figur des Louis de
Breze in der Kathedrale zu Rouen. Das Denkmal
des gewaltigen Seneschals der Normandie,
das ihm seine Witwe, Diana von Poitiers
errichtet hatte, ist wohl das schönste und
vollendetste in der Durchbildung des Körpers
mit dem zurückgesunkenen Haupt, dem
schlichten Leichentuch, das in großem Wurf
über den Schoß und das linke Bein geschlungen
ist, doch nicht das einzige — in
der Nähe von Paris selbst konnte Bartholome
eine ganze Reihe solcher Gisants finden. Da
stehen in der Abteikirche zu St. Denis drei
große Monumente fast nebeneinander, die
zweimal das tote Königspaar darstellen: auf
der Höhe des an Triumphpforten erinnernden

A. BARTHOLOMS DIE ERSTEN MENSCHEN

Aufbaus die beiden knieend, in der Tiefe,
unter dem Grabüberbau lang ausgestreckt als
Leichen, nackt, aller Schönheit und allen
königlichen Schmuckes beraubt. Da ist zuerst
das Denkmal von Ludwig XII. und der
Anne de Bretagne von Jean Juste, dann das
Grabmal Franz I. und seiner Gattin, für das

Die Kunst für Alle XVIII

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