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-sr4^> ALBERT BARTHOLOME -C^=^
die ordonnance von Philibert Delorme entworfen
ward, die Skulpturen vielleicht von
Pierre Bontemps, endlich das Monument
Heinrichs II. und der Katharina von Medicis
von Germain Pilon. Langsam hat sich in
dem halben Jahrhundert die Auffassung gewandelt
— erst ein starker ergreifender
Realismus, zuletzt, in den Marmorleichen
Pilons schon Bilder des Grauens, eine männliche
und eine weibliche Anatomie ohne die
Würde des Todes. Und auf ein noch entfernteres
Denkmal könnte man hinweisen,
auf das Grabmal des Grafen Engelbert IL
von Nassau und seiner Gemahlin in der großen
Kirche zu Breda. In noch früherer Zeit hat
Francois Villon das Grauenhafte dieser entstellten
Leichen gezeichnet, in seiner reichen
Sprache, „die mit so viel schönen Farben
malt, daß die Zeit, die alles auslöscht, davon
noch nichts hat auslöschen können", wie
Clement Marot von ihm sagte,:
La mort le fait fremir, pälir,
Le nez courber, les veines tendre,
Le col enfler, la chair mollir,
Jointes et nerfs croitre et etendre.
albert bartholome
Corps feminin, qui tant est tendre,
Poli, souef, si precieux,
Te faudra-t-il ces maux attendre?
Oui; ou tout vif aller es cieux.
(Frangois Villon, Grand Testament XLI)
Kein Zweifel, daß die künstlerische Anschauung
des fünfzehnten und sechzehnten
Jahrhunderts auch auf Bartholome gewirkt
hat. Hier liegt ein Zurückgehen auf die
starken Wurzeln der französischen Plastik.
Es sind genug der gesunden Keime hier:
ist nicht der tote Seneschel der Normandie
auch der Ahnherr aller der wundervollen
liegenden Gestalten der modernen französischen
Grabplastik: der schönsten Einzelschöpfung
, der Bronzefigur des Godefroy
Cavaignac, die Francois Rüde auf dem Montmartre
-Kirchhof errichtet hat, der Gestalt
des Generals de Lamoriciere in der Kathedrale
von Nantes von Paul Dubois und zuletzt der
liegenden Statue von Felix Faure, die Rene
de Saint-Marceaux für den Pere-Lachaise geschaffen
hat? Nur ganz oberflächlich kann
man die beiden verwandten Wandgrabmäler, die
Canova modelliert, dem Monument aux morts
vergleichen, das ältere für die Erzherzogin
Marie Christina in der
Augustinerkirche zu Wien
und das jüngere, nach seinem
Entwurf errichtete in
der Kirche der Frari zu
Venedig, das sein eigenes
Kenotaph geworden ist —
nur die Idee der Pforte
kehrt hier wieder, aber
ganz anders gedacht ist
das Figürliche.
Die Auffassung Bartho-
lomes hat sonst so gar
nichts von der des späten
Mittelalters oder der
frühen Renaissance. An
den Portalen der französischen
Kathedralen, in
Autun, Bordeaux, in St.
Urbain zu Troyes erscheinen
wohl die Verdammten
und Verurteilten, wie sie
der Pforte des Todes zugetrieben
werden, von
Ketten umschlungen, von
satanischen Erscheinungen
vorwärts gescheucht. Aber
hier wie in den Gerichtsbildern
der Roger van der
Weyden, Hans Memling
und Stephan Lochner nirgends
eine Abschwächung
aktstudie des Grauens und der
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