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-sr4^> ALBERT BARTHOLOME -Cög^
letzten Salon erschien. Die reifen Formen sind
ganz groß, fast schwer, gar kein Raffinement der
Behandlung, die Gewandung ganz verallgemeinert
, nur wie ein Abschluß. Die Porträtauffassung
möchte man am ehesten der Adolf Hildebrands
vergleichen. Rührend ist die Skizze eines
frühverstorbenen Kindes, mit einem kranken
Zug um die Augen, für ein Grabrelief auf dem
Kirchhof Montparnasse (Abb. s. S. 56), von
einer erstaunlichen Naturtreue die Maske
Hayashis: wie bei den japanischen Masken
eine ganz dünne Schale mit offenen Augen.
Den Besuchern des Salons in diesem Frühjahr
war eine Ueberraschung bereitet; im Garten des
großen Palais des Beaux-Arts erhob sich, unfern
der Rodinschen Traumgedanken ein neues
Grabmal, das unterdessen schon (s. nebenst.
Abb.) seinen Platzauf dem Montmartre-Kirchhof
gefunden hat. Eine wunderliche Allegorie, eine
echt französische: die Seele, die dem Grabe
entschlüpft. Eine ernste, große
Architektur, eine Art Sarkophagdeckel
, der von zwei dorischen
Säulen getragen wird. Ein geflügelter
Genius entschwebt dem
Grabe, noch halb unbelebt, mit
geschlossenen Füßen, langsam aufsteigend
, die linke Hand greift mit
schüchtern tastender Bewegung
nach der Deckplatte einer der Säulen
, um sie zur Seite zu schieben,
leicht und ganz ohne Anstrengung,
die andere, mit der Handfläche
nach vorn, weist nach oben. Die
ganze Ausführung ist wieder aus
dem Stein herausgeboren, daher
das zur Seite flatternde, sich hinten
fest an den Grund anlegende Gewand
, die an der Decke haftenden
Flügel; gar keine Bravour der Behandlung
, eher eine leichte Unbeholfenheit
.
Bartholome gehört keiner Richtung
, keiner Schule an, aber er hat
Schule gemacht; man braucht nur
die liegende Gestalt von E. Lagare
zu sehen, die im Salon von 1901
auftauchte, oder selbst in Deutschland
Franz Metzners Entwurf zu
dem Wagnermonument, „die Nacht
einer großen Seele". Er ist ein ehrlich
ringender, in mühevoller Arbeit
sich abquälender Künstler,
aber er sucht das, was Wilhelm
von Humboldt einmal die ganze
Größe des Menschen genannt hat,
Eigentümlichkeit der Kraft und
der Bildung. Trotz der großen,
verwunderlichen Sprünge ist seine Entwicklung
eine ganz reine, folgerichtige. Diese nie erlahmende
Arbeit an sich selbst ist es, die die
Bürgschaft für seine künstlerische Zukunft
gibt. Er ist auch nach jenem großen Werk
nicht stehen geblieben, hat kaum gerastet.
Ein ernster, tiefer Mensch, der lange über
die Rätsel des Lebens und über die Grenzen
seiner Kunst nachgesonnen hat, der sich für
sich selbst die künstlerischen Formgesetze
aus den Bedingungen des Materials abgeleitet
hat. Es war das große Geheimnis seiner Arbeit,
daß er nur für sich schuf, unbekümmert um
fremde Stimmen und den Tagesgeschmack.
Er ist ganz naiv dabei geblieben, nicht vergrübelt
und nicht versonnen, mit offenen Sinnen
sieht und faßt er die Schönheit um sich. Auch
als Künstler ein großer, aufrichtiger und reiner
Mensch — was kann man Besseres von ihm
sagen?
A. BARTHOLOME
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MONTMARTRE-FRIEDHOF
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