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-s^3D> MÜNCHENER RADIERVEREIN <Ö£^
PETER HALM PORTRÄTSTUDIE
Aus der Jahresmappe 1892 des Münchener Radiervereins
berechneten Motives in Strichmanier nicht
zweckentsprechend erscheinen würde. Um
Töne und Flächen, wie Farbenwerte auf
einem Bilde, auf der Kupferplatte aneinanderzureihen
, benützt deshalb mancher Radierer
die sogenannte Aquatinta-Manier, nicht aus
purer Laune, sondern aus Notwendigkeit.
Hier gestattet die Technik, durch mehrfaches
„Abdecken" in Tonabstufungen zu arbeiten
und in dieser Weise fortzufahren, bis der
gewollte Effekt erreicht erscheint. Soll aber
die frische Unmittelbarkeit einer Handzeichnung
zum Ausdruck gebracht werden, dann
eignet sich dazu die sogenannte Crayon-Manier
oder der weiche Grund (vernis mou). Bis
zu welcher Vollendung die künstlerische Ausdrucksfähigkeit
der Technik sich steigern
läßt, zeigen auch die in neuerer Zeit mit
vielem Geschick gehandhabten Manieren mit
Roulette, der kalten Nadel oder der Schabkunst.
Wenn man die Reihe von über hundert
Originalradierungen der zehn Jahrespublikationen
des Münchener Vereins überblickt,
wird man den ausführenden Künstlern die
Anerkennung nicht versagen können, daß
sie sich ungemein schnell in den Mysterien
der „Schwarzkunst" zurechtgefunden haben.
Denn als der Verein gegründet wurde, waren
die wenigsten mit der Technik vertraut und
es mußte vorerst die Gelegenheit dazu geschaffen
werden. In einem besonderen, vom
königlichen Kultusministerium zu diesem
Zwecke zur Verfügung gestellten Lokale der
alten Akademie wurde denn auch mit Aetz-
grund und Säuren hantiert und die Mitglieder
von versierteren Kollegen in die Geheimnisse
der Kunst eingeführt. Schon nach Ablauf
des Gründungsjahres konnte die erste Publikation
mit zwölf Originalradierungen von
Mitgliedern, darunter Arbeiten von Anets-
berger, Halm, Stuck, Leibi, Meyer-Basel,
Wenban, E. Zimmermann u. a., der Oeffent-
lichkeit übergeben werden. Künstlerische
Höhe sowie Reichhaltigkeit der Mappen
wuchsen mit jedem Jahre, und in der großen
Reihe der erschienenen Blätter finden sich
hervorragende Arbeiten in jeglicher Art der
Technik. Die besten Namen sind vertreten,
wie z. B., um nur wenige zu nennen, v. Berlepsch
, Dasio, Hubert v. Heyden, Gampert,
Naager, Orlik, Pankok, Ubbelohde, Welti,
Ziegler, von jüngeren: Graf, Wolff. Mancher
dieser Künstler hat erst durch den Verein
Anregung zu radistischer Tätigkeit gefunden,
insbesondere seit durch die Einführung der
monatlichen Vereins-Ausstellungen ein reger
persönlicher Austausch der Erfahrungen ermöglicht
wurde.
Von dem Aufschwung, den die edle Kunst
der Radiernadel innerhalb des abgelaufenen
Dezenniums gewonnen, legen die hier beigegebenen
Illustrationen (S. 57—65, dazu die
als Eröffnungsbild dieses Heftes gegebene
Original - Radierung von Heinrich Wolff) beredtes
Zeugnis ab, und auch die Münchener
Vereinigung, die so ausschließlich künstlerischen
Bestrebungen dient, kann mit Stolz und
Genugtuung auf die getane Arbeit zurückblicken
. Jeder neue Jahrgang beweist, daß sie
in stetem Weiterblühen begriffen ist. E. B.
MAX DASIO VIGNETTE
Aus der Jahresmappe 1892 des Miinchener Radiervereins
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