Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 60
(PDF, 173 MB)
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-sr-£ö> DIE BEDEUTUNG DER PHOTOGRAPHIE

Zeichnen nach der Natur und nach dem
ruhenden Modell trat, entsprechend den erhöhten
Anforderungen, die man an die Ausdrucksfähigkeit
der Künste stellt, das Arbeiten
nach bewegtem Modell, trat schließlich
als weiteres Studienmittel die Photographie
.

Nehmen wir Farbe, Bewegung und Form
als die drei Grundprobleme aller bildenden
Kunst, so leuchtet ein, daß beim Studium
der Farbe die Photographie von vornherein
nicht in Betracht kommt.

Hilftsie uns beim Studium der Bewegung? —
Eine wichtige Frage, der eigentlich eine gesonderte
Behandlung zukäme. Hier seien
nur einige Bemerkungen erlaubt, die nicht
weit vom Thema abführen:

Die Momentphotographie ist im stände,
eine Bewegung, etwa den Vogelflug oder den
Sprung eines Pferdes, in ihre einzelnen
Phasen zu zerlegen. - - Kann nun der Künstler
aus dergleichen Bildern lernen? — Ohne
Zweifel! — Aber die Bewegung wird er aus
ihnen nicht verstehen lernen, denn diese
einzelnen Bewegungsphasen geben doch wohl
nicht die Bewegung selbst, wie sie etwa
wieder die kinematographische Aufnahme

OSKAR GRAF

ABENDLAUTEN

Aus der Jahresmappe 1900 des Münchener Radiervereins

bietet, sondern sie lassen lediglich die Formen
verstehen, die der betreffende bewegte Organismus
in den einzelnen Phasen seiner
Bewegung zeigt. Selbst der mittelmäßigste
Zeichner ist eher im stände, Bewegung darzustellen
, als die photographische Platte, die
der Bewegung gegenüber genau so machtlos
ist, wie gegenüber der Farbe.

Farbe und Bewegung sind diejenigen Ingredienzen
des Kunstwerks, die der subjektiven
, schöpferischen Arbeit des Künstlers
nicht nur freien Spielraum lassen, sondern
dies schöpferische Arbeiten geradezu herausfordern
. —

Die naturalistische Basis aller Kunstbestrebungen
, die sich noch so sehr zu Licht-
und Bewegungsproblemen zuspitzen mögen,
bleibt aber stets die Form. Sie ist der Erdenrest
, der dem Künstler nur dann „zu tragen
peinlich" bleibt, wenn derselbe es vermeidet,
sich durch Studium der Naturformen dasjenige
positive Können anzueignen, das ihn
erst berechtigt, als Erkenner und Schöpfer
vor die gewaltigen Mysterien der Farbe und
der Bewegung hinzutreten. —

Der Wert der Photographie für dieses
Studium der Form ist evident, denn die photographische
Aufnahme hält eben
nur die Form fest und schaltet die
bei bloßem Formenstudium nur
störenden Einflüsse von Farbe und
Bewegung aus. Die photographische
Aufnahme der ihn interessierenden
Naturform kann der Künstler in
jedem Augenblicke zur Hand nehmen
. Sie erlaubt ihm Formenstudien
im Atelier, sie erspart ihm Zeit und
Strapazen aller Art. Der Beweis
wäre schwer zu erbringen, warum
Uebungen nach photographierten
Formen wertloser sein sollten, als
Uebungen vor der lebendigen Natur,
wenn es sich bei diesen Studien
lediglich um Formstudien handelt.
Gewisse Formen, z. B. die der exotischen
Tier- und Pflanzenwelt kann
der Künstler oft überhaupt nicht
anders verstehen, studieren und darstellen
, als eben nach Photographien.
Es fragt sich nun weiter: Wie steht
es um die direkte Verwendung der
photographischen Aufnahme? Ist
es dem Künstler gestattet, außer
eben zu Zwecken des Studiums, die
Photographie auch noch in derWeise
zu benutzen, daß er von Platte oder
Film festgehaltene Formen innerhalb
eines Kunstwerkes, das auf

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