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-sr4^> PERSONAL- UND ATELIER-NACHRICHTEN -C^=^
anderen »Clique«; wären aber sie die Bevorzugten,
so würde hinwiederum über sie geschimpft. Da ist
nun neuerlich eine Schrift erschienen: »Die Kunstpflege
in der Schweiz und deren Unterstützung durch
den Bund« vonJ.B., also anonym. Es ist ein Separatdruck
von Artikeln, die in dem namentlich in den
katholischen Gegenden der Schweiz weitverbreiteten
Luzerner »Vaterland« erschienen sind. Der erste
Teil des 54 Seiten starken Heftleins
ist ein guter historischer Ueber-
blick. Wir entnehmen ihm, daß
erstmals 1860 der Bund die Kunst
finanziell zu fördern gesucht hat,
und zwar mit bescheidenen 2000 Frs.
Diese Summe wurde dann alljährlich
ausgeworfen und im Jahre 1874
auf 6000 Frs. erhöht, die jeweils
einer Sektion des schon 1839 gegründeten
»Schweizerischen Kunstvereins
« zum Ankauf eines Bildes
überlassen wurden. Im Jahre 1887
ging es dann nochmals vorwärts,
und zwar um einen erfreulichen
Ruck: die Bundesbehörden nahmen
für die Kunst jährlich 100000 Frs.
in das Budget auf. Ueber die Verwendung
dieses Geldes wachte eine
»Eidgenössische Kunstkommission«
von elf Mitgliedern; von dem Gelde
bekam der »Schweizerische Kunstverein
« (statt vorher 6000) 12000 Frs.
Im Jahre 1899 aber fingen die
Bundesfinanzen an, merklich
FERDINAND HODLER
Nach einer Aufnahme von
Helene Thiele in Zürich
leiden. Der Bundesbeitrag fiel von
100000 Frs. auf 50000 Frs., wovon
der Kunst verein wieder, wie früher, 6000 Frs. bezieht.
Das Geld wurde und wird zum Ankauf von Kunstwerken
, auf Vorschlag der »Kunstkommission«, verwendet
. Außerdem kann »bei Erstellung öffentlicher
monumentaler Kunstwerke eine Bundessubvention
gewährt werden, wenn die Erstellungskosten des
Werkes mutmaßlich 40 000 Frs. übersteigen.« —
Im ganzen sind nun von 1889 — 1902 für Hebung
und Förderung der schweizerischen Kunst rund
anderthalb Millionen ausgegeben worden. — Soweit
enthält die oben genannte Schrift Richtiges; sie verbreitet
sich auch noch über die Einrichtung des alle
drei Jahre abzuhaltenden »Salons«, der sogenannten
»Nationalen Ausstellung«, sowie über die alte Kunst
und die Gründung des »Schweizerischen Landesmuseums
« mit anerkennenswerter Sachlichkeit.
Dann aber wird sie polemisch und zwar im Sinne
jener Clique der »Alten«, welche selbst wieder die
Modernen »Clique« schelten und ihnen ihre Erfolge
neiden. Zunächst wird die Hodler-Affäre wieder aufgewärmt
, d. h. es wird über die Malereien
des Künstlers im Landesmuseum
zu Zürich »Rückzug bei
Marignano« gewettert; dann bekommt
auch der vor etwas mehr
als Jahresfrist verstorbene Hans
Sandreuter eines ab; er sei zwar
»ein nach verschiedenen Richtungen
reich begabter und produktiver
Künstler« gewesen, allein seine in
das Landesmuseum und in das
Bundesrathaus gelieferten Kartons
hätten den Erwartungen nicht entsprochen
. Es wird dann weiter über
»Secession« und »Cliquenwirtschaft«
gejammert, immer mit der Spitze
gegen Hodler, und zwar wird da
als Autorität der bekannte Professor
Hilty zitiert, der im »Politischen
Jahrbuch« auf 1901 das schiefe Bonmot
geprägt hat: »Was in der
Malerei ,Hodler' bedeutet, nennt
man in der Theaterwelt,Ueberbrettl',
eine Ausartung der Kunst«, und der
Verfasser der Schrift selbst macht zu
Hodlers (hierunter abgeb.) »Tag« die
geistreiche Anmerkung: »Das Eklatante
, welches auf dem Gebiete der Landschaft geboten
wird, liefert manch talentierter Häfelischüler gegen
Subvention von einigen Aepfeln auch.« Man sieht,
auch in der Schweiz »kämpft« man um die Kunst;
nicht immer mit Geschmack, wie die beiden angeführten
Aussprüche zeigen, die von Verständnis ebensoweit
entfernt sind wie von Liebe zur Sache. Dennoch
wird, so hoffen wir, der »Bund« fortfahren, die
Kunst, sogar die moderne, zu unterstützen. Mißgriffe
werden bei der Verteilung der Staats-Subventionen
natürlich nicht ausgeschlossen sein, so wenig wie
in anderen Ländern. Auch werden es die Künstler
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