Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 83
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LOUIS CORINTH

SELBSTBILDNIS

LOUIS CORINTH

Von Hans Rosenhagen

Unter den Malern, die sich innerhalb des
letzten Jahrzehnts die Achtung oder doch
wenigstens die Beachtung des deutschen Publikums
errungen — vielleicht sagt man richtiger:
erzwungen — haben, ist Louis oder wie er
sich auf seinen Bildern nennt: Lovis Corinth
eine der eigenartigsten und auffallendsten Erscheinungen
. Obgleich man ihm nicht vorwerfen
kann, daß er im Bann altmeisterlicher
Vorbilder stünde oder in seinen Schöpfungen
den Sinn und Geist seiner Zeit verleugnete,
so mutet er doch in vielen seiner Werke eher
wie ein Zeitgenosse der Rubens und Jordaens
an, als wie einer der Menzel, Leibi und Liebermann
. Bei näherer Bekanntschaft mit seinen
Bildern bemerkt man freilich, daß die Verwandtschaft
mitden großen Vlamen ausschließlich
auf der Vorliebe für einen ähnlichen
weiblichen Typus beruht, und daß Corinth
im Grunde seines Wesens eine zwar derbe
aber nüchterne Natur ist, die, trotz der Lust
an handfesten Brüsten und massiven Schenkeln,
an leuchtendem Fleisch und aufreizenden Bewegungen
, viel mehr berechnenden Verstand
als sinnliche Phantasie besitzt. Corinth ist

Ostpreuße und, wie alle seine Landsleute,
zähe, tüchtig und ehrgeizig. Mit festen Armen
und unerschütterlicher Beharrlichkeit strebt
er dorthin, wo, seiner Ansicht nach, sein Platz
ist. Dieses gewaltsame, die Verhältnisse
zwingen wollende Vorwärtsdringen läßt ihn
oft brutal erscheinen und wirken. Es gibt
Leute, denen seine Art auf die Nerven geht,
und die verkennen, daß die darin sich äußernde
Kraft allein schon zu selten ist, um nicht etwas
zu bedeuten. Sie sollten bedenken, daß die
Kunst der Auffrischung durch animalische
Kraftnaturen gelegentlich ebenso bedürftig ist,
wie das den Gefahren zu fein gewordener
Kulturen ausgesetzte Menschengeschlecht.
Wenn Künstler wie Corinth auch nicht zur
Veredelung des malerischen Ausdrucks beitragen
, so weisen sie doch so überzeugend
auf die Bedeutung des Physischen und der
Sinnlichkeit für die Kunst hin, daß diese für
eine ganze Weile davor behütet erscheint, sich
allzuweit im Empfindsamen und Uebersinnlichen
zu verlieren. Man braucht Naturen wie Corinth
nicht zu hoch zu stellen, aber man sollte sich
hüten, sie zu unterschätzen; denn sie bringen

Die Kunst für Alle XVIII, 4.

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