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^-s^> LOUIS CORINTH
biederen Tritonen auf komisch ehrbare Weise
bewundert wird (Abb. XI. Jahrg. S. 363), und
ein „Frühling" mit blumentragenden Mädchen
— das hierunter wiedergegebene Bild „Herbstblumen
" ist eine Studie dazu - - trugen dem
Künstler einigen Beifall ein, zu einer nachhaltigen
Wirkung brachte er es jedoch erst
mit der 1895 entstandenen „Kreuzabnahme"
(Abb. XI. Jahrg. S. 33), die ersichtlich auf
Mantegna zurückging und der später eine
kaum weniger bedeutende „Kreuzigung"
LOUIS CORINTH
HERBSTBLUMEN
(Abb. XIII. Jahrg. S. 322, das Original jetzt in
der protestantischen Kirche zu Tölz) folgte.
Diese beiden religiösen Bilder machten auch
das große Publikum auf Corinth aufmerksam.
Man entrüstete sich über seinen Realismus,
aber man mußte anerkennen, daß hier ernsthafte
Versuche gemacht waren, über die malerische
Idee fort, dem Bilde einen Inhalt zu
geben. Auch das Bild „Trifolium" (Abb.s. S.89),
das fast etwas Feuerbachisches hat, kann in
seiner ruhig-heiteren Anmut noch als ein
Nachklang jener italienischen Reise gelten.
Unmittelbar an diese unter dem Zwange
höherer Absichten stehende Periode in
Corinths Schaffen schließt sich die Wendung
ins Vlämische oder um deutlicher zu sein:
ins Derbsinnliche. Der nackte, üppige, weibliche
Körper beginnt in Corinths Bildern die
Hauptrolle zu spielen. Seit den Tagen der
Antwerpener Fleischmaler hat die Lust am
Weibe keinen robusteren Ausdruck gefunden,
als in gewissen Schöpfungen Corinths. Der
Künstler schreckt vor keiner Derbheit, vor
keiner Situation zurück. Sein Ehrgeiz ist,
das überzeugend auszudrücken, was ihn selbst
sinnlich erregt hat. In der Darstellung voller,
fester weiblicher Formen sucht er seinen
Meister. Er braucht gar keinen Vorwand,
um die hübsche Gestalt irgend eines wohlgebauten
Modells zu verewigen. Er malt es,
wie es ist, in der vollen Brutalität seiner
Reize, stehend, liegend, zwischen zerwühlten
Kissen ruhend, lockend oder versagend, beglückend
oder beglückt. Dann und wann
aber besinnt er sich und faßt den Zauber
des derben sinnlichen Lebens, des jauchzenden
Fleisches und der zügellosen Begierden in
humorvollen Bildern. Die besten davon sind
„Die Hexen" (Abb. s. S. 88), das tolle „Bacchanale
" (Abb. s. S. 99) und der in seiner Art
ganz köstliche „Bacchantenzug" (Abb. s. S. 101).
Auch die vielgenannte „Salome" (Abb. X V.Jahrgang
S. 463), „Perseus und Andromeda" (Abb.
XVI. Jahrg. S. 469, s. a. S. 104 d. vorl. Heftes)
und die „Drei Grazien" von der letzten Berliner
Secessionsausstellung wären hier zu erwähnen
. Das letzte grössere Werk „Samuels
Fluch" (Abb. XVII. Jahrg. S. 447) schließt sich
jenen religiösen Bildern an, ohne sie jedoch
an starker künstlerischer Kraft zu erreichen.
Mit besonders lebhaftem Erfolge hat sich
Corinth außerdem in den letzten Jahren der
Porträtmalerei zugewendet. Seine Bildnisse
stellen keine psychologischen Offenbarungen
vor, aber sie sind häufig so gut gemalt, daß
man die Uebertreibungen im Ausdruck, mit
denen Corinth zu charakterisieren liebt, gern
übersieht. Treten Momente hinzu, die des
Künstlers malerische Sinnlichkeit erregen, wie
Schönheit der Erscheinung, Reichtum und
Glanz der Toilette „Elly" (Abb. s. S. 82),
„Damenbildnis" (Abb. s. S. 93) oder sind die
Dargestellten von Natur schon mit sehr charaktervollen
Physiognomien begabt — „Walter
Leistikow" (S. 96), der Maler selbst (S. 83),
Herr C. (S. 98), Frau R. (S. 97), Graf Keyser-
lingk (S. 96), der Dichter Peter Hille (S. 92)
- so ist die Wirkung einzelner Bildnisse oft
ausgezeichnet.
Seit dem Jahre 1900 hat Corinth seinen Wohnsitz
in Berlin, wo seinem Talent, seiner glän-
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