Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 87
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_07_1903/0107
^r4^> LOUIS CORINTH

zend breiten Malerei die verdiente Schätzung
entgegengebracht wird und wo man gegen den
derben Realismus in seiner Kunst weniger
empfindlich ist als in München. Es liegt
nämlich in der Art dieser Kunst ein etwas,
was dazu nötigt, sie als realistisch anzusprechen,
im Grunde aber ist sie in ihrer weiteren Entwicklung
entschieden akademisch geworden.
Corinth war und ist noch bemüht, diesen Eindruck
nicht aufkommen zu lassen, aber es will
ihm gerade in der letzten Zeit immer weniger
gelingen, ihn zu verwischen. Dieser Eindruck
resultiert aus der Virtuosität des Malens, die
der Künstler sich im Laufe der Jahre erworben
hat und aus einem gewissen Mangel
an eigenem Geschmack, der ihn nicht selten
nötigt, dort konventionell zu sein, wo der
wahre Realist individuell zu sein pflegt. Dennoch
ist der akademische Zug im Schaffen
Corinths nicht unsympathisch, weil er nicht
in Verbindung mit Unpersönlichkeit auftritt.
Er erscheint sogar notwendig; denn obgleich
der Künstler ein erstaunliches Können besitzt,
hat man doch häufig die Empfindung
, daß er die damit
zu erzielenden Wirkungen nicht
in seiner Gewalt hat. Es gelingt
ihm etwas, oder es gelingt
ihm nicht. Nicht, daß er
es an heißem Bemühen fehlen
ließe; aber seine hervorragenden
Mittel sind nicht genügend diszipliniert
. Für solche Fälle kann
die akademische Gewöhnung von
hohem Nutzen sein, weil bestimmte
Effekte auf ihrem Wege
immer zu erreichen sein werden.
Außerdem giebt es in Corinths
Wesen eine rauhe Unbefangenheit
, die verhindern wird, daß
er trotz seiner gerade in letzter
Zeit konventionell gewordenen
Farbengebung jener akademischen
Glätte verfällt, die den Werken
seines Lehrers Bouguerau ein so
widerwärtiges Gepräge giebt.
Auch daß er bisher verstanden
hat, mit den jeweilig herrschenden
Kunstanschauungen in Verbindung
zu bleiben, bietet eine
gewisse Gewähr dafür, daß das
Akademische für ihn als Künstler
keine Gefahr bildet.

Doch es handelt sich hier
nicht darum, festzustellen, wie
sich Corinth entwickeln kann,
sondern wie er sich entwickelt
hat. Jedenfalls steht er heute

kraft seiner besonderen Vorzüge und seiner
Leistungsfähigkeit in der vordersten Reihe der
deutschen Künstler, auf die man achtet. Er
ist ganz und gar kein Spezialist, er malt, was
malbar ist, und giebt auch hierin zu erkennen,
daß er das Zeug zu einem Künstler großen
Stils besitzt. Man möchte ihm allerdings
zuweilen mehr Geschmack, mehr Selbstkritik
wünschen. Das darf aber nicht hindern, einzusehen
, daß er mit seinen außerordentlichen
Mitteln etwas leistet, was in dieser
Art außer ihm gegenwärtig wenige leisten,
daß er vor allen Dingen innerhalb der
deutschen Malerei einen eigenen Typus vorstellt
. Nur kraftvollen Naturen ist es beschieden
, sich in dieser Weise über die Allgemeinheit
zu erheben.

GEDANKENSPLITTER

Ein gutes Kunstwerk kann und wird zwar moralische
Folgen haben, aber moralische Zwecke vom
Künstler fordern, heißt ihm sein Handwerk verderben
. Goethe „Dichtung und Wahrheit".

LOUIS CORINTH

BILDNIS

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