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DIE KUNST IM HEUTIGEN SPANIEN
Die großen Erwartungen, die man vor einem
Jahrzehnt von dem Kunstschaffen der
Spanier zu hegen berechtigt war, sind leider
nur zum kleinsten Teil erfüllt worden. Wie
auf literarischem Gebiete war auch auf dem
künstlerischen der außerordentliche Aufschwung
ein vorübergehender. Nur vereinzelt
erscheinen seit einer Reihe von Jahren Geisteswerke
, die sich über ein niedriges Mittelmaß
erheben, und diese wenigen sind nicht von
jüngeren Schriftstellern verfaßt, sondern fast
durchweg von solchen, die schon zu Anfang
der achtziger Jahre eine führende Rolle spielten
. Dieselbe Erscheinung zeigt sich auf dem
Felde künstlerischen Schaffens. Aus den
großen Scharen der jüngeren und jüngsten
Kunstbeflissenen sind nur sehr wenige mit
wirklich nennenswerten und hervorragenden
Werken hervorgetreten, die Träger des Kunstlebens
sind heute noch beinahe dieselben wie
vor fünf und zehn Jahren, und die Lücken,
die der Tod in dieser Zeit in den Reihen der
älteren Künstler gerissen hat, sind kaum ausgefüllt
, obgleich die Zahl der Studierenden
an den Kunstschulen und Kunstakademien
im allgemeinen noch gestiegen ist.
Woher dieser Stillstand in der Kunstbewegung
des heutigen Spanien?
Die Ursachen für ihn ausschließlich
und unmittelbar in den politischen Verhältnissen
zu suchen, die das unglückliche
Land in seine heutige traurige
Lage versetzt haben, wäre unrichtig,
wenngleich nicht geleugnet werden kann,
daß die Politik das öffentliche Interesse
wie das des einzelnen in den letzten
Jahren in hohem Grade in Anspruch
genommen hat. Dasselbe war jedoch
mindestens in gleichem Maße in der
Zeit der Fall, als sich auf allen Gebieten
geistiger und materieller Arbeit jener
riesige und glänzende Aufschwung zeigte,
der zu den besten Hoffnungen für die
Zukunft Spaniens berechtigte.
Auch die trostlosen wirtschaftlichen
Verhältnisse Spaniens und die Armut
seiner Bevölkerung sind nicht für den
Stillstand im Kunstleben und für die
Minderwertigkeit der Kunstleistungen
der letzten Jahre verantwortlich zu
machen, denn die Zahl der Reichen,
die die Künste nachdrücklich unterstützen
könnten, ist auch heute nicht
gering.
Die Hauptursachen der betrübenden Erscheinungen
des Kunstlebens im heutigen
Spanien sind andere. Es sind: der gänzliche
Mangel an Interesse und zum Teil an Verständnis
für die Kunst in den Kreisen der
Begüterten wie des gebildeten Publikums;
die Schäden, die dem Kunstschulwesen anhaften
; die durch die Kämpfe der modernen
Kunstschulen erzeugte ästhetische Unsicherheit
und der daraus hervorgegangene Mangel
an festen Grundsätzen für das Kunstschaffen;
das Temperament und die Charaktereigentümlichkeiten
des Südländers, der bei höchster
Befähigung für die Künste doch der Energie
zu gründlichem Studium, der Neigung zu
sorgfältiger Arbeit entbehrt; und endlich der
enge Horizont der spanischen Künstler, die
meist wenig bemittelt sind, daher nicht
reisen, nicht die Kunstleistungen anderer
Völker studieren können, infolgedessen leicht
der Selbstüberschätzung anheimfallen und
auf ihre einfachsten Skizzen und Studien
das nur den wirklich großartigen Schöpfungen
einiger weniger spanischer Künstler
JOSE MILLAS
AUF BESUCH
Die Kunst für Alle XVIII. 6. 15. Dezember 1902.
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