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•sr-s^> DIE KUNST IM HEUTIGEN SPANIEN
vor allen aber auch die oberste Unterrichtsbehörde
nicht von dem Vorwurf der Mangelhaftigkeit
des Unterrichtswesens freizusprechen
. Die Verwaltung der Kunstabteilung des
letzteren liegt in den Händen einer aus drei
Beamten bestehenden Körperschaft. Diese
Beamten wechseln, sobald der Unterrichtsminister
, und vollends, sobald die ganze Regierung
wechselt - - was ja in Spanien häufig
geschieht. Diese drei Beamten aber sind
Politiker, die gewöhnlich von der Kunst nur
sehr geringe Kenntnis haben, sich aber doch
das Ansehen des Kunstverständnisses geben
müssen und daher oft genug Maßregeln anordnen
, die keineswegs den Kunstinteressen
förderlich sind - - das hat sich beispielsweise
nur zu deutlich bei der Umgestaltung und der
neuen Anordnung des weltberühmten Nationalmuseums
in Madrid gezeigt. Im günstigsten
Fall beläßt es diese oberste Unterrichtsbehörde
bei den längst veralteten Bestimmungen für
den Unterricht in den Kunstschulen, die hinsichtlich
ihrer Lehrmethode den Ansprüchen
der heutigen Zeit keineswegs genügen. Die
höchste Schulbehörde sollte vor allem die allgemeinen
Zeitverhältnisse und die des Landes,
sowie die daraus resultierenden Erfordernisse
und die herrschenden Strömungen im Kunstleben
genau studieren und demgemäß den
Unterricht regeln, die Richtungen angeben,
nach denen hier die Ausbildung erfolgen
müßte, um praktische, für die Kunstbeflissenen
materiell vorteilhafte Resultate zu ergeben.
Von alledem ist jedoch keine Rede, da die betreffenden
obersten Beamten selbst bei dem
besten Willen meist nicht einmal die Zeit
haben, derartige Studien zu machen. So bleibt
es bei der alten Routine, und da die wirklich
bedeutenden Künstler nicht Lust haben, sich
als Lehrer einer solchen Behörde zu unterstellen
, sondern die Lehrtätigkeit doch überwiegend
in den Händen alter Zeichenlehrer
oder unbedeutender Künstler liegt, die das
schmale Einkommen zu ihrem Unterhalt
brauchen - - so bleiben die Kunstschulen unverändert
, und man kann es hochbegabten
Schülern allerdings nicht verdenken, wenn
sie sich dem zopfigen Schulzwang entziehen.
Viele der größten jetzt lebenden Künstler,
unter ihnen der wohl weitaus bedeutendste:
Francisco de Pradilla, dann von den aller-
jüngsten: der 1870 in Eibar geborene Ignacio
Zuloaga, sind nicht nur ihre eigenen Wege gegangen
, sondern haben sich bemühen müssen,
die nachteiligen Folgen des Kunstschulunterrichts
erst zu beseitigen.
Unter Berücksichtigung der traurigen Verhältnisse
Spaniens und der gänzlichen Interesselosigkeit
der gebildeten Klassen an der
hohen Kunst und anderseits der stark hervortretenden
Liebe der Spanier für alle Aeußer-
lichkeiten, für dekorative Künste und für das
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