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SCHACK UND FEUERBACH
schon fertig waren. „Sie sind größer ausgefallen
, als es ursprünglich meine Absicht
war", schrieb Feuerbach selbst am 4. März 1866
an Schack. Dieses Hinausgehen über das
vereinbarte Maß, ein Opfer, welches Feuerbach
seiner künstlerischen Ueberzeugung
brachte, weil er ja die Preise nicht mehr
entsprechend erhöhen konnte, wurde bei der
bald zu erwähnenden „Medea" der äußerliche
JOSE BENLLIURE Y GIL EIN DORFSCHULMEISTER
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Anlaß zum Bruche zwischen dem Künstler
und dem Auftraggeber.
Im Herbste des Jahres 1866 schien die
durch das „Symposion" entstandene Verstimmung
verflogen zu sein. Anselm war
„selbst sehr entzückt" *) von seinen Arbeiten
für Schack, und im November brachte er persönlich
in Begleitung seiner Mutter eine
Mappe voll schöner und ihn selbst fesselnder
Entwürfenach München(„Anacreon", „Medea",
„Lesbia", „Idylle" sind davon genannt). Die
*) Brief Henriettes vom 7. Juli 1866.
mündlichen Verhandlungen mit Schack führten
zu einem schriftlichen Vertrage vom 28. November
, durch welchen Feuerbach sich verpflichtete
, „Medeas Abfahrt" in halber Lebensgröße
und das „Riccordo" für 3500 fl. auszuführen
. Diesen Vertrag hat der Künstler
nicht ganz eingehalten. Als ob er ihn vergessen
hätte, entwarf er die „Medea" in
Lebensgröße, widmete seine Haupttätigkeit
dem „Symposion", an welchem er sich mehrmals
bis zur Krankheit überarbeitete und
„riß" das „Riccordo" erst nach wiederholten
Mahnungen Schacks „heraus", wie er selbst
sich ausdrückt. Im Sommer 1867 machte er
eine Erholungsreise nach Basel, wo er das
Porträt von Charlotte Küstner, einer Freundin
seiner Mutter, malte und sich mit Böcklin
wieder vollkommen versöhnte, „was mich sehr
freut", wie Henriette an Schack schreibt.
Inzwischen wurde dessen Geduld auf harte
Proben gesetzt. Anderthalb Jahre ließ ihn
Feuerbach auf das „Riccordo" warten, und
als er endlich Mitte 1868 ankam, machte
ihm das „herausgerissene", die Spuren rascher
Arbeit tragende Bild keine besondere Freude.
„Ich bin natürlich sehr betrübt, daß es nicht
ganz nach Ihrem Wunsche ist", schrieb
Henriette am 11. September .... „Sie werden
wohl glauben, daß ich meinem Sohne in
künstlerischen Dingen nichts einreden kann.
Er ist in so großer, fast fieberhafter Tätigkeit
, daß es mich fast mit Sorge erfüllt....
Ich fürchte, daß er die „Medea" nicht mit
der Pünktlichkeit fertig machen wird, welche
ich wünschte . . . ." Es kam noch schlimmer:
Die „Medea" gelangte gar nicht in die Schack-
galerie. Feuerbach hatte wieder das ausbedungene
Format weit überschritten und ein
allerdings unvergleichlich schönes Bild angelegt
, dessen Preis den ausbedungenen beträchtlich
übersteigen mußte. So wie es
jetzt in ruhiger Hoheit in der Münchener
Neuen Pinakothek hängt, kündet es die ganze
Größe seines Schöpfers und sein höchstes
Können. Der Umfang des Bildes entspricht
seinem Werte. Aber auch Schack war im
vollsten Rechte, wenn er auf seinem Schein
bestand, der ihm das Bild in kleinerer Form,
um einen seiner Kasse entsprechenden Preis
zusprach. Denn die volle Einsicht von der
Herrlichkeit des Werkes besaß er nicht,
und vielleicht auch keiner seiner damaligen
Berater. Daß es der unglückliche König
Ludwig II. aus eigenem Antriebe für die
Pinakothek ankaufte, wird seinem Kunstsinn
und Edelmute stets zum Ruhme gereichen.
Mit der Nichterfüllung des Kontraktes war
der Bruch zwischen Schack und Feuerbach
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