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-sr4£> DAS GEISTREICHE IM KUNSTWERK
an denen sich vielleicht am leichtesten der
Unterschied zwischen dem künstlerisch Geistreichen
und dem nur sachlich Geistreichen,
dabei aber künstlerisch Geistlosen zeigen läßt.
Eine der ersten Anforderungen an ein gutes
Gemälde ist es, daß die Raumwirkung innerhalb
der Bildfläche zum klarsten Ausdruck
gelange. Geistreich in künstlerischem Sinne
ist daher jedes Mittel, das diese steigert, geistlos
alles, was sie vernachlässigt. Geistreich
ist also etwa eine deutliche Betonung des
horizontalen Erdbodens im Gegensatz zu den
senkrecht darauf stehenden Gegenständen und
Gestalten, oder z. B. eine Ueberschneidung,
die das gegenseitige räumliche Verhältnis
zweier hintereinander befindlichen Figuren,
ihr von einander Losgehen, in klarer Weise
veranschaulicht. Geistlos dagegen ist eine
Gruppierung der Gegenstände und Figuren,
die deren räumliche Stellung zu einander unklar
läßt, möge auch sonst darin mit größtem
Scharfsinn ein sehr interessanter historischer
oder poetischer Vorgang geschildert sein.
Ganz das gleiche gilt auf dem Gebiete der
farbigen Erscheinung, bei der ebenfalls die
gegenseitigen Beziehungen innerhalb des Bildganzen
eine größere und kompliziertere Rolle
spielen, als man gemeinhin anzunehmen pflegt,
und der eigentlich künstlerische Geist, ja
geradezu die künstlerische Rechnung, vielfach
ganz anderswo verborgen liegt, als wo
das Publikum sie sucht. Geistreich kann ein
rotes Gewand sein, das einen Fleischton daneben
oder das Grün eines benachbarten
Busches in seiner Wirkung entsprechend
beeinflußt, geistlos hingegen ein noch so
„brillant" gemaltes Seidenkleid, wenn es zum
Ganzen nicht stimmt. Rudolf Schick hat uns
in seinen Aufzeichnungen viele Aeußerungen
Böcklins überliefert, die ungemein lehrreich
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