Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 158
(PDF, 173 MB)
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DAS GEISTREICHE IM KUNSTWERK <^=^

hierfür sind. So hören wir von der Entstehung
der „Quellnymphe", daß er hinter dem
Oberkörper und rechts vom Torso recht warm
violette Tiefen malte, um der Figur wieder
Licht zu geben, ebenso neben der Figur und
dem Kopf des dicken Pan graugrüne Töne,
um ihn bei geringen Mitteln recht rot erscheinen
zu lassen, neben dem grünlichgelbgrauen
jungen Pan aber brachte er violettgraue
und blaugraue Töne als Flecke auf dem
Felsstück an, die ihm das Gelbe des Körpers
heben sollten. Und an anderer Stelle berichtet
Schick: „Im Vergleich zum grauen Himmel
wirkt das rote Mieder, obgleich nur dunkel
Caput mortuum, so stark als wäre fast das
kräftigste Rot aufgewendet: dieser Ton wäre
sogleich tot, wenn oben blauer Himmel gemalt
würde. So aber habe man hinreichend Mittel,
um die grauen Büsche und das Rot so kräftig
wie in der Natur erscheinen zu lassen."

Oder denken wir an das Verhältnis der
Massen in einem Bilde, die in derselben
Weise sich innerhalb der Gesamtwirkung die
Wage halten müssen. Geistreich ist in dieser
Hinsicht etwa ein Pferdekopf, der zur Seite
gebogen ist, weil er an dieser Stelle zum Gleichgewicht
der Massen gebraucht wurde, geistlos
ist ein noch so sentimental nach dem gefallenen
Reiter sich umsehendes Roß, wenn dabei
die geschlossene Bildwirkung als solche
vergessen wurde. Ein „Naturalist" wie Max
Liebermann hat einmal gesagt, mit der Richtung
eines einzigen Pferdebeines stehe und

falle sein ganzes Bild; das möchte man denen
ins Stammbuch schreiben, die nur auf bedingungslose
Wiedergabe der Natur oder bloße
Illusions-Erweckung als Ziel der Kunst schwören
, und damit recht eigentlich den Geist des
Künstlers leugnen.

Endlich im engsten Zusammenhange hiermit
jenes ureigenste Mittel des Künstlers, uns
seine Vorstellung überzeugend ins Leben zu
rufen: das Betonen des Wesentlichen und das
Ausscheiden des Nebensächlichen, sei es in
Form, Farbe, Bewegung, — ist nicht diese
Tätigkeit, durch die das Kunstwerk erst seine
selbständige Existenzberechtigung gegenüber
der unendlichen Fülle der Natur erhält, durchaus
eine geistige, ja geistreiche, mag auch
der Grad des wirklichen klaren Bewußtseins
dabei ein verschieden starker sein? Geistreich
kann deshalb das Bild eines kleinen
Wassertümpels sein, wenn es uns mehr zeigt,
als das Auge des Durchschnittsmenschen zu
sehen vermag, geistlos ist das größte Seestück
mit der gesamten Kriegsmarine darauf, wenn
es über die farbige Photographie nicht hinausgeht
. Echt künstlerischen Geist entfaltet auch
der Landschafter, der die versteckten Reize
einer bisher verachteten Gegend uns zeigt,
indem er sie betont und, wie man wohl sagt,
„herausholt" ; tot und öde aber ist der Vedutenmaler
, der uns jahrein, jahraus seine mit
trockener Korrektheit gesehenen „malerischen
Motive" aus Venedig zum Kauf anbietet. Alle
Vereinfachung überhaupt ist geistreich, wie

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