Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 159
(PDF, 173 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_07_1903/0185
-^^> DAS GEISTREICHE IM KUNSTWERK <^=^

denn Böcklin gesagt hat, es sei stets ein Gewinn
, wenn im Bilde etwas überflüssig werde;
dadurch werde nicht nur die Arbeit des Fertigmachens
verkürzt und beschleunigt, sondern —
was von noch größerem Werte — die Arbeit
des Anschauens wird vereinfacht und erleichtert
. — Und so fort durch das ganze weite
Reich der hohen und der angewandten Kunst.

Geistreich ist das Haar einer weiblichen
Gestalt, wenn es die Silhouette der Figur verdeutlicht
oder etwa, weithin flatternd, eine
Gruppe zusammenhalten hilft, der sonst die
Geschlossenheit fehlte; geistlos ist selbst das
mit goldenem Kamme gekämmte Haar der
Loreley, wenn es nicht dem künstlerischen
Gesamteindruck des Bildes eingeordnet ist.

Geistreich ist Adolf Hildebrands ruhig dastehender
jugendlicher Mann, obwohl er nichts
tut und uns nichts sagt, weil er uns den
Bau des menschlichen Körpers und die Funktion
aller seiner Teile gerade beim ruhigen
Stehen in so unübertrefflicher Klarheit vor
Augen führt, wie wir sie uns selbst nicht zu
schaffen vermögen; geistlos ist die bewegteste
Gruppe, wenn die Figuren nicht zunächst
einmal fest auf ihren Beinen stehen oder nicht
allseitig in klare formale Beziehung zu einander
gebracht sind (was nebenbei bemerkt fast
unmöglich ist.)

Geistreich ist ein Relief, das trotz seiner
begrenzten Tiefenausdehnung doch durch kluge
Beschränkung auf die einfachen Mittel eines
echten Reliefstils die volle räumliche Vorstellung
in uns zu erwecken vermag; sinnlos
ein solches, wo trotz sogenannter „malerischer"
Effekte dieser Eindruck verfehlt ist.

Geistreich ist ein Bauwerk, das mit den
praktischen Anforderungen das Gleichgewicht
der Massen, die rechte Harmonie der Verhältnisse
zu verbinden weiß, und nicht über der
blendenden Fassade draußen die Raumgestaltung
und Raumstimmung im Inneren vergißt;
geistlos der Architekt, der dies nicht empfindet
, mag er auch alle historischen Stilarten
auswendig gelernt haben.

Geistreich ist ein Buchornament, das die
gegebene Fläche füllt und im Einklang mit
dem zugehörigen Schriftbilde steht, für das
es bestimmt wurde; geistlos ist eine Vignette,
die zwar trefflich den Inhalt des Buches illustriert
— was gewiß an sich kein Fehler ist —
aber dabei aus der Seite herausfällt und mit
der Schrift nicht zusammengeht.

Geistreich ist zuguterletzt eine künstlerische
Reproduktion, die ihr Vorbild mit klarer
Rücksichtnahme auf die jeweiligen Mittel in
den Stil der betreffenden Kunstgattung (Holzschnitt
, Lithographie, Stich, Radierung) übersetzt
; jede Nachbildung ohne Rücksicht auf
die neue, eigene Ausdrucksweise, wie wir
sie leider heute fast allgemein haben, ist
geistlos, wenn auch noch so geschickt.

Dies alles sind ja freilich nur Andeutungen,
Stichproben aus der unübersehbaren Menge
von Material, das zu einer allseitigen Durchdringung
dieses fast unerschöpflichen Themas
herangezogen werden könnte. Vielleicht geht
aber gerade aus solchen kurzen, bestimmt umgrenzten
Beispielen der Kern der Frage faßbarer
hervor, als aus allgemeinen Definitionen,
daß nämlich die Werke der bildenden Kunst
nicht bei anderen Geistesgebieten betteln zu
gehen brauchen, sondern ihren eigenen Geist
haben, den es eben zu erfassen gilt, will man
sie verstehen. Das ist, wie wir sahen, nicht
ein Geist der sachlichen Belehrung oder des
stofflichen Interesses, des Handelns oder Geschehens
oder Erlebens, sondern ein Geist
der reinen, geklärten Anschauung, und nur
darin kann also das Geistreiche im Kunstwerk

G. F. WATTS

DER BOTE DES FRIEDENS

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