Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 171
(PDF, 173 MB)
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~3-s^> PERSONAL- UND ATELIER-NACHRICHTEN -C^=^

DARIS. Die »Statuomanie«, wie man hier sagt,
* grassiert in Paris nicht minder als die »Denkmalsseuche
«, von der man bei uns redet. In den
letzten Wochen sind ihr die Dichter zum Opfer gefallen
. Im Luxemburggarten erhielt der verstorbene
Gabriel Vikaire, ein schlichter Provinzsänger, und
auf dem französischen Parnaß Inhaber eines bescheidenen
Seitenplätzchens, eine leidlich geschmackvolle
Herme, die Injalbert geformt hat. Baudelaire
, der poete maudit, der wie ein armer Sünder
an der kahlen Mauer des trüben Cimetiere de Mont-
parnasse liegt, kam zu der ebenso verspäteten wie
wenig glücklichen Ehrung durch ein Grabmonument
, das Herr De Charmoy aus Begeisterung für
seine Muse geschaffen. Wie eine Mumie eingewickelt
, steif und starr liegt der Leib des Toten auf
der Steinplatte. Dahinter erhebt sich eine rechteckige
Stele, vorne mit einer riesigen, gut stilisierten
Fledermaus geschmückt, oben aber taucht, wie aus
einem Schornstein hervorlugend, bis an die Hüften
ein nackter Dämon auf, der sein finsteres und zerrauftes
Haupt in die beiden aufgestemmten Fäuste
drückt. Schlechte Romantik, Einfluß von Rops, mißverstandener
Geist der fleurs du mal. Alles wird klar,
wenn man weiß, daß Mr. de Max vom Theatre Sara
Bernhardt, der die Pariserinnen als reizvoll verlebter
Aiglon bezaubert, dafür posiert hat. Eine Sache,
die übrigens Mode wird; ein anderer Komödiant
posiert einem anderen Sculpteur für Musset, der
also wohl auch bald seine steinerne Auferstehung
feiern wird. Inzwischen ist endlich auch der Balzac
fertig; die Schriftstellergenossenschaft, die ihn gestiftet
, hat viel Sorge damit gehabt. Erst war da
bekanntlich der große Aerger über Rodin's Entwurf
, dessen wahrhaft große und elementare Vision
des dichterischen Schöpfers gar zu weit den Horizont
dieses »juste milieu« überflog, um zu gefallen. Dann
übernahm den Auftrag der brave und robuste Fal-
GUIEre, der aber während der Arbeit starb, so daß
ein dritter die Ausführung vollenden mußte. Dieser
Balzac, der nun am 23. November an der avenue
Friedland enthüllt wurde, trägt wohl auch jene
Dominikanerkutte, wie der historische Balzac, um
die er den goldenen Venetianergürtel geschlungen
hatte, an dem, ebenfalls vergoldet, ihm Schere,
Falzbein und Messer hingen. Im übrigen — auf
seiner Bank sitzend, die schweren Hände um das
übergeschlagene Bein schlingend, den Kopf angeregt
lebhaft — hat er freilich eher einen Zug ins Intime,
ja selbst zur Bonhomie, als jenen, an den Abel
Herman erinnerte: »plus garrotte qu'un Scythe et
resplendissant comme un mage.« Kurzum — es
wird auch hier mit Wasser gekocht, wenn das Menu
auch noch so reich mit schönen Worten garniert
wird. — Im Hotel de Ville werden die Entwürfe für
eine Konkurrenz künstlerischer Firmenschilder gezeigt
. Man belebt da eine alte Idee, die sicherlich
eine reizende Gelegenheit schafft, die Kunst auf die
Straße zu tragen. Dies Schlagwort wurde schon
einmal ausgerufen, damals, als die große Plakatbewegung
einsetzte, die nun so ziemlich im Sande
verlaufen ist. Hier handelt es sich vielleicht um
weniger vergängliche Dinge, als die auf Litfaßsäulen
und Straßenecken zerfetzten und zerflatternden
Affichen. Man erinnere sich an den schönen
alten Brauch der Hauszeichen, der noch bis in den
Beginn des neunzehnten Jahrhunderts so originelle
Produkte volkstümlichen Kunstempfindens geschaffen
. Berühmt sind Watteau's für Gersaint
gemalte Ladenschilder, und auf dieser Ausstellung
selbst sieht man zwei wunderschöne große »Stillleben
« von Chardin, einen »Gourmand« von
Debucurt und einen von Boilly (von famosen

Qualitäten), Gemälde, die einst den Eingang einiger
alter Restaurants geschmückt haben. Denkt man
dann an Laternen, Metallschilder, Glasfenster, plastische
Dekoration — so ergibt sich von selbst, wie
unermeßlich das Feld der Betätigung ist. Neben
vielen mißglückten oder gleichgültigen Versuchen
sah ich einige vorzügliche Stücke, die als Muster
und Wegweiser für alles Weitere in dieser Richtung
dienen können. Der Arrangeur des Ganzen ist
Detaille, neben ihm genügt es, Namen wie
Gerome, Mucha, oder die heiteren und oft erprobten
Söhne des Montmartre, Ckeret und
Willette aufzuzählen. Den richtigen Ton trifft
der humorvolle Abel Truchet, mit seinen in
Blech ausgeschnittenen bunten Silhouetten: einer
»Gänseherde*, die mit mißtrauischem und ängstlichem
Geschnatter an einem drohenden Kochnapf
vorübertrottet (»au fln gourmet«), oder seiner Kindergruppe
, die bunte Ballons steigen läßt; die Ballons,
dicht gedrängt und sich überschneidend, plastisch
in Celluloid ausgeführt, geben auf ungezwungene

GIUSEPPE CHIATTONE MARMORKAMIN

Dem Städtischen Museum zu Elberfeld gestiftet
von August Freiherrn von der Heydt

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