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-*^> BERLINER SECESSION: „ZEICHNENDE KÜNSTE" <ö^-
CA. NIEHAUS DER ARBEITER
ob einst noch etwas anderes von der Gesamtheit
dieses Bildes an die Oeffentlich-
keit gelangen wird, als die bekannte kleine
Lithographie. Dieser Kunst fehlt der freie
und kühne Geist, das Schöpferische. Ihre
Bedeutung liegt im Handwerklichen. Man
hätte von Greiner, der in seinen Studien eine
so unerhörte Summe von Fleiß und Energie
niedergelegt hat, nun gern auch einmal Taten
gesehen, die den Zweck so anstrengender Vorarbeiten
erkennen lassen.
Toulouse-Lautrec ist ganz, ganz fern von
diesem Greinerschen Kunstathletentum. Seine
Lithographien riechen nicht nach Schweiß.
Sie verraten jene Freiheit gegenüber der
Natur, jenes instinktive Erfassen und Erkennen
des Wesentlichen, ohne die es keine
große Kunst und auch keinen Stil gibt. Mit
einem Nichts von Mitteln sagt er alles. Er
ist selbst Degas in der Fähigkeit, einfach
und schlagend zu charakterisieren, überlegen
und stellt noch höhere Ansprüche an die
Illusionskraft der Beschauer als dieser. Eine
in einem Zuge hingesetzte Profillinie, ein
Auge, ein Nasenloch, eine schwarze Schleife
und das Bildnis der Yvette Guilbert ist fertig,
fabelhaft ähnlich, fabelhaft geschmackvoll und
künstlerisch. In Lautrecs Arbeiten herrscht
die Naivität des Raffinements und wirklicher
Esprit. Sie sehen aus, als wären sie ganz
leicht zu machen, und doch zeugt jede Linie
nicht nur für sprühendes Temperament, sondern
für den stärksten künstlerischen Verstand
. Jeder Farbenfleck in seinen Lithographien
sitzt genau auf der Stelle, wo er
die höchste und zugleich geschmackvollste
Wirkung tut. Kein Mensch vermöchte Lautrec
nachzuahmen. Sein Standpunkt ist so hoch
über seiner Umgebung, daß er sie mit Humor
betrachten kann, in ihrer Armseligkeit, ihrer
Pose und Lächerlichkeit. Prachtvoll sind
seine Schauspieler-Porträts. Die Bernhardt
als Phädra, jeder Zoll Theater, die Rejane
als „Madame Sans-Gene" mit Calipaux als
Tanzlehrer - wunderbar in ihrer Eigenart,
oder die Luce Myres mit ihrer koketten Kindlichkeit
oder die Linder mit ihrer degoutierten
Miene und der raffinierten Toilette. Jede
von Lautrecs Schöpfungen hat besondere Vorzüge
. Nirgends ein Prunken mit Können,
nur Talent oder besser Genie. Denn nur
das Genie vermag sich in dieser Weise über
das Hergebrachte zu erheben, der Natur so
keck gegenüberzutreten.
Aber auch Theophile Steinlen schon gibt
in seinen Arbeiten — Handzeichnungen und
BESSIE O. POTTER TANZENDE
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