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simum«, aber ohne die richtige Größe.« Und nun
kritisiert Mantuani den Klingerschen Beethoven
vom Kopf bis zu den Zehenspitzen und findet ihn
nicht nur unähnlich, sondern nicht einmal die Individualität
gewahrt. Alsdann beschäftigt er sich mit
der Symbolistik des Sessels und läßt sich des
Weiteren aus über die Brutalität der Kreuzigungs-
scene auf der Rücklehne. Klinger sei in der Art,
wie er Christus rittlings auf einem in den Kreuzesstamm
eingerannten Pflock sitzen lasse, den Darlegungen
Hermann Fuldas gefolgt, die aus den und
den Gründen nicht stimmten. Mantuani stellt die
Forderung, daß der Künstler eine Erläuterung seiner
Symbolik gebe und setzt ihn schließlich feinsäuberlich
auf eine Stufe mit seinem Namensvetter, dem
Stürmer und Dränger Max von Klinger. Auch dieser
Schluß berührt eigentümlich, wenn man zu Anfang
gelesen hat: »Einzelne Versuche der Renaissance
ausgenommen, wird ein plastisches Werk von einer
solchen polychromen Pracht nicht nachzuweisen sein.
Ja, man kann behaupten, daß Klinger mit diesem
Werke seine Zeit und sich selbst überwunden und
übertroffen hat.« Der Mangel an Logik in den Ausführungen
eines Verfassers, der so verworren denkt
Aufnahme von N. Perscheid in Leipzig MAX KLINGER IN SEINEM ATELIER
Probebild aus Jul. Vogel „Max Klingers Leipziger Skulpturen" (Bespr. nebenstehend)
und ein so böses Deutsch schreibt, wie Mantuani, hat
freilich nichts Ueberraschendes. Zur Klärung der
Begriffe über den Wert oder Unwert der Klingerschen
Leistung trägt diese ziemlich umfangreiche Schrift
jedenfalls nicht das geringste bei. Hans Rosenhagen
Max Klingers Leipziger Skulpturen.
»Salome«, »Kassandra«, »Beethoven«, »Das badende
Mädchen«, >Franz Liszt«. Erläutert von Prof. Dr.
Julius Vogel. (Leipzig, Hermann Seemann Nachfolger
, 3 M.)
Vor zwanzig Jahren hat als erster Georg Brandes
in den »Modernen Geistern« mit literarischen Mitteln
Klinger dem Publikum zuzuführen gesucht. Fast
ein Jahrzehnt lang schwiegen dann alle Federn; in
den neunziger Jahren aber hat das Schriftstellerinteresse
an Klinger in steigendem Maße zugenommen
, und das Jahr 1902 nun bezeichnet eine
Art Hochflut der Klingerliteratur. Unter den neuesten
Erscheinungen nimmt Vogels, aus langjähriger
Kenntnis Klingers und seiner Werke heraus geschriebenes
, reich und interessant illustriertes Buch
einen guten Platz ein. Vogel ist gleich weit entfernt
von konstruierender Verstiegenheit wie von
blasiertem ästhetisierenden Besserwissenwollen
; er erzählt und
beschreibt schlicht und warm,
deutet ruhig und sachlich, unterstützt
von mancher wichtigen
Einzelkenntnis, die er sich nur
in Klingers Atelier holen konnte.
Das erste Kapitel »Klinger und
Leipzig« ist von einer wohl verständlichen
Freude über den
großartigen Besitz Leipzigs an
Klingerscher Plastik erfüllt, an
dessen Erwerbung Vogel so rühmlich
teilgenommen hat; das zweite
Ȋsthetische und technische Bemerkungen
« weist Klingers Plastik
ihre Stelle als Bestandteil
seiner Raumkunst an, bekämpft
kurz und schlagend die immer
noch laut werdenden Vorurteile
gegen bunte Plastik und gibt
mannigfaltigen Aufschluß über
die von Klinger verwandten Materialien
. Im dritten wird die
Entstehung von »Salome* und
»Kassandra« im Anschluß an
Flaubert und Schiller, sowie an
eine Anzahl unveröffentlichter
Handzeichnungen dargestellt, im
vierten das große Thema »Klingers
Beethoven« von verschiedenen
Seiten, unter andern in
einer merkenswerten Parallele
Beethoven —Faust beleuchtet (die
Faustischen Worte »der Einsamkeiten
tiefste schauend unter
meinem Fuß« standen eine Zeitlang
vorn unten am Fußgestein),
im fünften endlich die beiden
monolithen Leipziger Plastiken
der »Badenden« und des »Liszt«
entstehungsgeschichtlich und
ästhetisch besprochen. Dem angehängten
Literaturverzeichnis
fügen wir, um doch auf einiges,
was wichtig, wenigstens hier hinzuweisen
, die Namen Gurlitt,
Lamprecht, Schubring, Schumacher
und Servaes hinzu. R.W.
Redaktionsschluß: 21. Dezember 1902. Ausgabe: 8. Januar 1903.
Herausgeber: Friedrich Pecht. — Verantwortlicher Redakteur: Fritz Schwartz.
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-g. — Druck von Alphons Bruckmann. Sämtlich in München.
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