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-sr.££ö> VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN <^ä^
im Figurenfach; ausgestellt hat er Werke aus beiden
Stoffgebieten, eine schöne Fernsicht im Gebirge,
und eine Serie von drei Farbenlithographien biblischen
Inhalts, die für die bekannte Sammlung der
Wandbilder im Verlag von Teubner & Voigtländer
gezeichnet sind. Einen romantischen Zug hat auch
Fritz Boehle an sich, das bedeutendste Talent
unter der jüngsten Generation der einheimischen
Künstler. Das Phantastisch-Subjektive dieser Romantik
verbindet sich aber gerne mit den handgreiflich
-sinnlichen Eindrücken des gemeinen
Lebens; die Sphäre der kleinbürgerlichen und der
ländlichen Berufsarbeit, und zwar in den charakteristischen
Formen, wie sie Frankfurt und seine Umgebung
bieten, ist das bevorzugte Objekt von Boehles
Schilderungen. Er faßt sie nicht novellistisch auf,
auch nicht in der pessimistischen Lehrhaftigkeit, mit
der man noch immer da und dort die Welt des
vierten Standes zu traktieren pflegt, sondern er
gibt den poetischen Inhalt ohne alles Räsonnement,
lediglich als Unterlage seiner großen, machtvollen
Darstellungsgabe in klarer, knapper, beinahe altmeisterlicher
Formenstrenge. Das Bild des »Leinreiters
« in der Ausstellung, ein Typus, den ihm die
landesübliche Flußschiffahrt an die Hand gegeben
hat, war so ein echter Boehle: das schwere Zugpferd
, Kahn und Fuhrmann, ein Bild voll elementarer
Kraftwirkungen in Gegenstand und Ausführung.
Wilhelm Altheim bewegt sich in ähnlicher Richtung
, nur im Vortrag etwas pikanter und zarter,
eine weniger robuste Kraft. Beide liefern zusammen
ein Stück »Heimatkunst«, von dem man sagen kann,
daß es in der Tat aus dem Vollen geschöpft sei.
Wilhelm Trübner sandte diesmal zwei Landschaften
ein, Chiemseebilder, deren eines wohl
schon vor einer Reihe von Jahren entstanden
war; man kennt die gesunden,
aus wenigen hellen Tönen kombinierten
Farbenharmonien dieser für Trübner in
einem gewissen Sinne typisch gewordenen
Landschaften, aber man wird
ihrer niemals überdrüssig. Des Künstlers
neueste Richtung, die stärkere
Wirklichkeitseindrücke aufsucht, war
in Werken seiner eigenen Hand zwar
nicht, wohl aber in Arbeiten der Schule
vertreten, die sich um ihn gesammelt
hat. Frau Alice Trübner, die Gattin
des Künstlers, und Eugenie Bandell
sind aus diesem Kreise als die bedeutendsten
Talente zu nennen. Unter den
auswärtigen Frankfurtern fiel der in
München tätige Carl Piepho mit einer
hübschen dekorativen Landschaft und
einer weiblichen Einzelfigur, weiß auf
grünem, landschaftlichem Grunde, besonders
auf. Durfte man auch in den
beiden, stark an den bekannten Münchener
Secessionsgeschmack erinnernden
Schöpfungen keine starke Individualität
erkennen, so waren sie doch
beide Repräsentanten eines Kreises,
von dem erst hier recht deutlich wurde,
wie hoch seine durchschnittliche Leistungsfähigkeit
über dem Durchschnittsniveau
der Zeit steht. Zwei
schöne Landschaften von Rabending
und ein gutes Mädchenbildnis von
Schwarzschild brachten außer den
genannten die Münchener Schule zur
Geltung, die Karlsruher war in einem
flotten Reiterbildnis von Junker brillant
vertreten. Von Bildhauerarbeiten war
verhältnismäßig wenig, aber eigentlich nur Gutes da,
hübsche Bronzestatuetten von Rettenmaier und
Bäumler, Plaketten von Kowarzik, und von einem
noch jugendlichen Schüler Adolf Hildebrands, Heinr.
Wirsing in Florenz, eine lebensgroße Freifigur »Ata-
lante«, dazu eine Porträtbüste, beides Werke von
vornehmer Stilisierung, denen man die gute Schule
anmerkt. Die Frankfurter waren diesmal mit der
Jahresausstellung ihrer einheimischen Künstler nicht
so zufrieden wie sonst. Man hörte klagen, daß
der Mittelmäßigkeit doch etwas gar zu viel Spielraum
gegönnt gewesen sei. So etwas ist natürlich
nicht zu vermeiden, so lange die Jury human genug
ist, um auch, wie wir schon oben angedeutet haben,
die kleinen lokalen Größen zuzulassen, die es anderwärts
weniger leicht haben, anzukommen. Wir sind
aber unsrerseits mit diesem Humanitätsprinzip vollkommen
einverstanden. Die Folgen davon muß man
tragen und man kann es auch, da man sich ja doch
bei einer solchen Veranstaltung gewissermaßen in
einem engeren häuslichen Kreise befindet. Nur
soll man sich nicht den Humor verderben lassen,
wenn man alsdann nicht lauter Koryphäen begegnet.
Die großen Talente gehören überall zu den Seltenheiten
. Und Frankfurt mag sich nach wie vor der
Gewißheit hingeben, daß es immer noch - - was
viel heißt — deren mehrere besitzt.
DUDAPEST. Drei sehr gelungene Kunstausstel-
lungen erregen lebhaftes Interesse in der ungarischen
Metropole. Die eine ist die Kollektiv-Ausstellung
des zu früh verstorbenen großen Landschafters
Ladislaus von Paal. Während der
Plazierungsarbeiten wurde die Kollektion durchs
Feuer dezimiert, die annoch verbliebenen vierzig Bil-
karoly kernstock mutter und kind
(Winter-Ausstellung in Budapest)
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