Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 238
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_07_1903/0274
-5t4^> DAS KÜNSTLERISCHE IN DER KUNST <^-*-

bischen Massen, sondern Flächenfiguren, die
nur durch die Art ihrer Verteilung, ihre
gegenseitigen Ueberschneidungen, ihre Perspektive
und ihr Helldunkel zur Entstehung
der Raumvorstellung mitwirken.

Endlich noch „das ureigenste Mittel des
Künstlers, uns seine Vorstellungen überzeugend
ins Leben zu rufen, das Betonen des
Wesentlichen und das Ausscheiden des Nebensächlichen
". Hier gibt Volkmann ja selbst zu,
daß die Absicht des Künstlers auf Illusion
geht. Denn „Vorstellungen überzeugend ins
Leben rufen" heißt doch nichts anders als
Illusion erzeugen, da es sich immer darum
handelt, Dinge, die nur gedacht sind, doch
als wirklich erscheinen zu lassen, das Tote
für die Phantasie lebendig zu machen. Auch
dabei ist nach meiner Theorie nicht an eine
wirkliche Täuschung zu denken. Wenn Goethe
an einer von Volkmann zitierten Stelle sagt:
Das Höchste der dichterischen Darstellung
ist, „wenn sie mit der Natur wetteifert, d.h.
wenn ihre Schilderungen durch den Geist

PETER SEVERIN KROYER

BILDNIS: GEORG BRANDES

derart lebendig werden, daß sie als gegenwärtig
für jedermann gelten können", so
lassen diese Worte allenfalls ein Mißverständnis
im Sinne einer wirklichen Täuschung
zu (obwohl Goethe das Richtige natürlich
gefühlt hat). Wenn ich aber sage: Dasjenige
Kunstwerk ist das beste, das innerhalb der
Grenzen der bewußten Selbsttäuschung die
denkbar stärkste Illusion erzeugt, so kann
das bei einigem gutem Willen unmöglich mißverstanden
werden.

Volkmann fordert für die künstlerische
Wirkung eine Betonung des Wesentlichen
und Ausscheidung des Nebensächlichen.
Auch dies entspricht ganz der Illusionsästhetik
. Denn gerade dies sind nach meiner
Lehre die wichtigsten Vorbedingungen der
Illusion, wie ich wiederholt eingehend ausgeführt
habe (zuletzt in einem in Stuttgart
gehaltenen Vortrage über die Grenzen
der Naturnachahmung in der Malerei, „Mitteilungen
des Württembergischen Kunstgewerbevereins
1901"). Wer diese Ausführungen unbefangen
liest, wird sehen, daß der
Hauptunterschied eines Kunstwerks
und einer Stümperarbeit
für mich eben der ist, daß der
Künstler die Mittel der Betonung
und Ausscheidung kennt und beherrscht
, während der Stümper
nichts davon weiß oder wissen
will und deshalb die Natur wahl-
und planlos kopiert, indem er ganz
an ihren Einzelheiten hängen
bleibt. Die Photographie aber
stellt den Höhepunkt dieser unkünstlerischen
Naturnachahmung
dar, insofern sie zwar eine scheinbar
objektive Uebereinstimmung
mit der Natur bietet, aber durch
die sklavisch genaue Wiedergabe
nichtssagender Details das Zustandekommen
einer lebendigen
Naturvorstellung oder gar einer
Stimmung geradezu unmöglich
macht.

Nun gibt es ja allerdings Menschen
, die behaupten, daß man der
Kunst mit der Illusionswirkung
ein allzuenges Feld, eine allzu niedrige
Rolle anweise, daß ihr eigentliches
Wesen weit höher gefaßt
werden müsse. Ich begreife diesen
Einwand im Munde von Leuten
, die auf dem Boden der idealistischen
Aesthetik stehen, die in
der Kunst entweder eine Verschönerung
der Natur oder ein Vehikel

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