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DIE BILDER DER SALOME
Von Dr. E. W. Bredt
r
Nur im Tanze weiß ich der höchsten
Dinge Gleichnis zu reden.
Nietzsche
n klassischer Knappheit überliefert
uns die Bibel die Erzählung
vom Gastmahle des
Herodes, vom Tanz der Salome
, von der Hinrichtung
Johannes des Täufers. Nur
schwer läßt sich mit dieser
inhaltvollen Erzählung eine
andere des Neuen Testamentes
vergleichen. Psychologisch
kaum zu erklärende
Abnormitäten treten lebendig
vor uns, eine Kette seelischer
Konflikte fesselt uns an die
Verfolgung der Vorgänge, die
nur eines Pathologen Interesse
finden würden — wenn
nicht die denkbar einfache Erzählung
so voll naiv-künstlerischen
Gehaltes wäre. — Mit
keinem Wort wird der Salome
Tanz geschildert, jener Tanz,
dessen Lohn und Opfer das
Haupt eines Menschen war, der
zweifellos die Geister seiner
Zeit gewaltig beherrschte. Wie scheinbar
kalt und gleichgültig läßt der Erzähler
die Worte fallen: „Und der
Tanz gefiel dem Herodes wohl."
Aber sicherlich ist diese Bemerkung
gerade so künstlerisch bewußt vom
alten Schriftsteller eingefügt worden,
wie der ganze Vorgang von den
Künstlern des 15. und des 16. Jahrhunderts
, besonders den nordischen,
mit einer unsagbar packend gleichgültigen
Bewegung und Miene der
Salome dargestellt wurde.
Ganz natürlich erweiterten rasch
dichterische Zutaten diese knappe Erzählung
zur Legende mit Liebesgeschichte
und phantastischem Ausgange
. Es sind Erklärungsversuche
zur Psyche der Herodiastochter.
Merkwürdig, nur die Malerei, die
bildende Kunst überhaupt, scheint
fast tausend Jahre an diesem Thema
interesselos vorübergegangen zu sein.
Und jene alte christliche Legende
DIE BERNWARDS
SÄULE IN
HILDESHEIM
z. B., nach der Salome zum Fluche ihrer Tat
sich dem Wolkengejage der Diana für immer
anschließen mußte, scheint kaum durch frühere
als Albrecht Altdorfer eine Darstellung gefunden
zu haben. Die Entwicklungsgeschichte
der Malerei vermag gewiß nicht allein für
die fast tausendjährige Unfruchtbarkeit des
biblischen Themas eine Erklärung zu geben.
Was hat es rein kunstgeschichtlich zu sagen,
wenn sich z. B. in den bekannten Bildvorschriften
vom Berge Athos keine darauf bezieht
, wie der Maler das verhängnisvolle Gastmahl
des Herodes darzustellen habe? Gibt
dies nicht weit eher eine kultur- als eine kunstgeschichtliche
Erklärung ab? Wer da fragt
„Vermochte etwa die frühchristliche Kunst
nicht das Salomethema verständlich genug
darzustellen?", der wird viel weitere Fragen,
viel bejahende und viel verneinende Antworten
zu hören bekommen. Den Kern aber der Tatsache
würde keine davon berühren.
Gewiß, die ganze dämonische Gewalt eines
solchen Scheusals wie des galiläischen Vierfürsten
schöner Nichte vermochte die damalige
Kunst keineswegs darzustellen - - aber
das ganze Salomethema hätte sie, wenn sie
gewollt, zu verbildlichen gewußt. Denn Tanz
und Tanzende hat die frühere christliche
Kunst sogar ungewöhnlich lebendig dargestellt.
RELIEF AN DER BERNW ARDSSÄULE
IN HILDESHEIM « « « «
DER TANZ DER
SALOME«««««
Die Kunst fui Alle XVIII. n. r. März 1903.
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