Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 250
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_07_1903/0286
-sr4^> DIE BILDER DER SALOME -C^=^

In den byzantinischen Psalterillustrationen ist
die tanzende Mirjam, der Tanz der Juden,
der Tanz Davids überraschend reizvoll erfaßt.

Nicht künstlerische Unfähigkeit hat erst
nach etwa einem Jahrtausend die Darstellung
von des Herodes Mahl beliebt gemacht, sondern
ein Mangel an gewissen sittlichen Vorstellungen
, ein Mangel an jenem sinnlichen
Ausdrucks- und Empfindungsvermögen, das
die Repräsentanten einer verfeinerten Kultur
kennzeichnet. Die ganze Erzählung läßt sich —
im Gegensatz zu jener psychologisch erklärenden
Legende ohne die lebendige Vorstellung
nicht verstehen, daß gerade der Tanz
eines Menschen inneres Leben ebenso erhaben
äußern, als tief hinabziehen könne.
Es kann nur eine volle Künstlerseele zuerst
darauf gekommen sein, gerade der Salome
Tanz bildlich darzustellen. Der Versuch, eine
Tänzerin zu verbildlichen, die voll grausam
wollüstiger Uebersättigung ein so hohes Opfer
in wahnsinniger Leichtfertigkeit fordern konnte,
kennzeichnet tiefe künstlerische Erfassung
menschlicher Leidenschaft.

So ist schon das erste Ergreifen des Salomethemas
bedeutsam für einen merkwürdigen
Wandel im künstlerisch freien Erfassungs- und
im künstlerisch bildenden Darstellungsvermögen
. Unsere letzten dichtenden und bilden-

DER TOD JOHANNES DES TÄUFERS
Aus dem Ottonen-Kodex in der Münchener Hof- und Staatsbibliothek

den Künstler zeigen sich als der teuflischen
Tänzerin gereifte Psychologen. Die ersten
Salomebildner betonten einen recht dramatisch
wirksamen Moment, der sich dem monumentalstenographischen
Stile am besten anpaßte:
den möglichst frivolen Tanz der Salome.

Auch die Geschichte der Salomebilder also
zeigt, daß erst nur die körperliche Aeußerung,
von einer reiferen Kunst aber die Handlungen
zeugende Psyche dargestellt werden kann.
Sicherlich ist es kein Zufall, daß die auf uns
überkommenen frühesten Darstellungen eine
rasend - lüsterne excentrische Tanzweise der
Herodiastochter erkennen lassen. Das gilt von
jenem Relief an der vielbekannten Bernwards-
säule von Hildesheim (Abb. s. S. 249), die in
den ersten Jahrzehnten des zweiten Jahrtausends
errichtet wurde. Das Gewand entblößt
mehr, als es verhüllt. In leidenschaftlich
sinnlicher Bewegung lehnt der Oberkörper
sich weit zurück. Offenbar ist hier ein orientalischer
Schleiertanz, oder eine Danse du
ventre dargestellt. — Weßhalb sollten auch
nicht in der ersten „Renaissance" schon in
Hildesheim und anderen geistigen Metropolen
der damaligen Welt Tänze jener Art
vorgeführt worden sein wie jene im Elefanten
von Moulin-Rouge? In anderem Sinne mögen
wenigstens sehr wohl jene und ähnliche
Darstellungen schon die „Welt" des elften
Jahrhunderts an kleinere Tanzlokale etwa
von der Art erinnert haben, wie sie heute
durch Plakate Cherets oder Willettes lockend
angepriesen werden. Gegen gemein frivole
Tanzaufführungen, gerade auf kirchlichem
Boden, wetterten doch schon einige Jahrhunderte
früher Konzilienbeschlüsse und
päpstliche Dekrete. Freilich die bewußt verfeinerte
, allegorisch-künstlerische Erfassung
auch solch frivoler Tänze scheint erst um
die Jahrtausendwende eingetreten und von
der bildenden Kunst festgehalten worden zu
sein. Welch hohe Kultur setzt also schon
diese künstlerische Frucht voraus.

Die künstlerische Darstellung der Salome
ändert sich schon nach wenigen Jahrhunderten.
Die Salome wird tiefer erfaßt, indem sie zur
Dame gemacht wird. Aus frivolen Schaustücken
werden reizvolle Bilder grausamweiblicher
Koketterie. Bei mancher Umständlichkeit
zeigt es sich doch offenkundig,
wie natürlich sie dieses unnatürlichen Weibes
Seele erfaßt und auch uns noch überraschend
nahe gebracht haben. Man darf wohl behaupten
, daß diese Darstellungen eines Mecke-
nen (s. S. 251), eines Cranach (s. S. 253),
eines Schäufelin, daß alle die kleinen Stiche
und Holzschnitte der Kleinmeister und auch

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