Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 251
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_07_1903/0287
DIE BILDER DER SALOME <^=^

jene italienischen Fresken des Quattrocento
uns häufig mehr geben als Darstellungen, die
uns um einige Jahrhunderte näher liegen. -
Jedenfalls ist es sehr bemerkenswert, daß
in jener zweiten großen Wendezeit, trotz
allgemeiner Lust an gezierten und liederlichen
Tänzen, den Künstlern nicht mehr die Darstellung
der Salome als Tänzerin genügte.
Zum mindesten ist ihr Tanz jetzt nicht mehr
lasziv, sondern ruhig und gemessen schreitet
sie sinnlichen Blickes vor den Augen ihres
Vaters vorüber. Kaltblütig wohnt sie mit
ihren Gespielinnen der Hinrichtung bei,
triumphierend lächelnd empfängt sie das noch
warme, abgeschlagene Haupt des Täufers vom
Henker und präsentiert es fast zärtlich auf
einer Schüssel den beklommenen Eltern. Für
uns mögen jene Bilder und Stiche einen noch
höheren Reiz haben, weil Salome in ihnen im
koketten, modischen Kleide jener Zeit erscheint.

Diese also auch äußerlich einfachere Darstellung
von der Salome Tanz mag ein historischer
Fehler sein, es war dennoch ein bedeutsamer
Schritt der Kunst. Der Anachronismus
spricht uns hier an. Als modisch gekleidete
Dame jener Zeit, die in ruhiger Haltung und
ruhiger Miene der Schlange Eleganz und
List vereint, steht diese Teuflin doch leibhaftiger
vor uns als die verrufene Tänzerin
eines orientalischen Cancans.

Als diese gereiftere Anschauung künstlerische
Gestalt gefunden, da überrascht uns
nicht mehr jene porträtartige Darstellung
der Salome, die sie als verführerisches, sinnlich
schönes Weib mit der Schüssel und
dem Haupte des Täufers ganz allein zeigt.
Auffallend ist, daß in dieser unzähligen
Folge von porträtartigen Bildern der Salome
keine sich steigernde physiognomische Erfassung
, keine steigernd charakteristische Darstellung
der Salome zu erkennen ist. Je nach
des Künstlers Art wird dieses Mittelding von
Porträt und Charakterbild bald mehr bald
weniger koloristisch erfaßt. Die ganz ungewöhnliche
Psyche dieses Weibes haben wenige
Künstler ernsthaft versucht wiederzugeben.
Offenbar hat nur der koloristische Reiz einer
jugendlich schönen, weiblichen Figur neben
dem totenbleichen Haupte des Täufers und
dem roten Blute auf blinkender Schüssel
Künstler wie Luini (s. S. 255) und Giorgione,
Allegri und Carlo Dolci, Tizian und Rubens
zur Wahl unseres künstlerischen Themas geführt
. Von seelischer Charakteristik ist bei
diesen Künstlern kaum die Rede — es müßte
denn das als besonders charakteristisch gelten,
daß zum Unterschied von der aus ganz, ähnlichen
koloristischen Gründen so oft dargestellten
Judith mit dem Haupte des Holofernes,
dieses herrische Weib immer männlicher und

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