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DIE BILDER DER SALOME -C^=^
herber, die Salome aber immer zierlicher,
zarter und mehr kokett aufgefaßt wurde.
Mit dieser zu einer bisweilen zum porträthaften
Genrebilde verflachten Auffassung der
Salome sind eine Reihe jüngster bildlicher
Schöpfungen verwandt. Das gilt von Habermanns
Salome (s. S. 261). Und auch Lenbachs
Salome von 1894 (s. Eröffnungsbild dieses
Heftes) ist kaum ein Bild teuflischer Schöne
zu nennen. Unbescholtenen, heiter triumphierenden
Blicks meidet dieses herrlich
schöne Wöib unser Auge und das gebrochene
Auge ihres Opfers.
HERRY DE BLES DIE ENTHAUPTUNG
DES JOHANNES «««
Das Original in der Galerie Hainauer zu Berlin
Sieht man von solchen Auffassungen und
einigen großen Schaustücken der achtziger
und neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts
ab, auf denen etwa in der Art des Gyula
Tornai in pseudohistorischer Weise ein großes
Fest in theaterpomphafter Art dargestellt,
so haben doch zweifellos gerade die besten
Künstler unserer Zeit das bald tausendjährige
Thema so neu und tiefgründig zu verbildlichen
gewußt, wie noch nie bisher.
Die Voraussetzungen hierzu liegen einerseits
nahe genug, anderseits kann doch nicht
der im allgemeinen höhere Grad malerischen
und zeichnerischen Darstellungsvermögens
erklären, weßhalb gerade unsere jüngere Kunst,
die doch bis vor kurzem jeder Inhaltsmalerei
recht feindlich gegenüberstand, der „Salome" so
gerecht werden konnte. Slevogts Bild (s. S. ?58)
ist heute Beweis, wie jene kaum überwundene
Uebergangsepoche, in der Luft und Farbe und
sonst nichts vielen Künstlern alles war, der
künstlerischen Behandlung unseres Themas
eher feindlich, als förderlich gegenübertrat.
Ueberdies erinnern jene völlig karikiert aufgefaßten
, Beifall klatschendenjudenim Slevogt-
schen Bilde, ganz abgesehen von der absichtlich
altertümlichen Weise, mehrere Episoden
einer Erzählung nebeneinander darzustellen, -
wie sehr die bis vor kurzem herrschende
panikartige Furcht vor jeder etwaigen sentimentalen
Auffassung einer wirklich neuen,
wirklich tiefen künstlerischen Verbildlichung
der Salome entgegen war.
Und doch hatten schon einige Dezennien
früher, auffallenderweise gerade französische
Maler dieses teuflische Weib unvergleichlich
packend gemalt. Die freudig sinnliche Vertiefung
in den biblischen Stoff führte sie zu
einer bisher nicht gesehenen großen Charakteristik
dieses wollustverwegenen Weibes.
Puvis de Chavannes' (s. S. 254) Bild ist von
einer feierlich bedeutsamen Ruhe erfüllt, die
uns mit den Dargestellten in nächste seelische
Verbindung setzt. Neu ist die Erfassung des
dargestellten Momentes. Salome wartet, die
Schüssel lässig nur mit einer Hand haltend,
mit unheimlich peinvoller Starrheit und Vergessenheit
auf den nächsten Augenblick, in
dem der weitausholende Henker des Johannis
Haupt vom Rumpfe getrennt.
Auch Moreau (s. S. 260) ist völlig neu, denn
obwohl gerade seine Kunst von fabelhaft koloristischem
Reize erfüllt ist, läßt er gerade
das Gewissen der Salome so vor uns treten,
wie kaum ein anderer Künstler. Nicht so
monumental wie Chavannes fasziniert uns
sein Bild durch geheimnisvoll phantastischen
Zauber. Salome, von wollustwirkenden Gürteln
behangen, beginnt ihren lüsternen Tanz.
Da erscheint, ihrer ausgestreckten Hand ergreifbar
, das lichtumstrahlte Haupt der
blutige Preis ihres Wollens. Henner und
Regnault stellen Salome sinnlich sinnend dar,
wie zitternd in verhaltener Erregung.
Eine neue Phase in der künstlerischen
Analyse der Salome-Seele bezeichnet Chalons
Bild (s. S. 259). Es läßt den Reichtum an
künstlerischer Erfindung in unserer Zeit bewundern
: Lachend kümmert sie sich gar
nicht um das Haupt des Täufers, das ihr
dargeboten werden soll. Das war für sie
ein lustiger Triumph, aber doch nicht viel
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