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DIE BILDER DER SALOME <^=^
LUCAS CRANACH DASGASTMAHLDESHERODES
Das Original in der Galerie des Städelschen Kunstinsiituts in Frankfurt a. M.
mehr als ein alltägliches Ereignis. Das
ganze Bild ist ein Bild gestillter perverser
Leidenschaft. Rücksichtslos hat sie
der Künstler als ein Weib hingestellt, die
nicht wie normale Naturen empfindet. Es
bleibt merkwürdig, daß gerade nicht die sonst
so tiefgründigen Deutschen diese Teufelin so
erfaßt, wie es eigentlich nur verständlich und
wie es der erste Bericht andeutet. Reue und
Abscheu, welche so oft die deutschen Künstler
die Salome im Bilde aussprechen lassen,
müssen einer solchen Natur völlig fremd gewesen
sein. So ist wohl z. B. Lenbachs
gleichgültige Salome immer noch wahrer erfaßt
— weil sie uns unnatürlich berührt —
als etwa diejenige Victor Müllers (s. S. 265),
ja auch die farbenprächtige, schwermütige
Böcklins (s. S. 257).
Noch viel grausamere Perversität, als aus
Chalons prächtigem Bilde, spricht aus Corinths
Salome (s. S. 260), die mit ihren eleganten
Fingerchen selbst die Augen des Toten noch
beunruhigen will, der das Opfer ihrer totkalten
Wollust geworden. Das ist die Salome,
wie sie Oskar Wilde in seinem Drama gezeichnet
hat.
Die bizarren Zeichnungen Beardsleys
(s. S. 265) zu diesem Stück, das begreiflicherweise
auch einen Künstler wie Marcus
Behmer zur Illustration bestimmte (s, S. 264),
geben diese neue Erfassung des tausendjährigen
Themas in wiederum eigenem Geiste
wieder. Es ist bedeutsam für die Kunst
unserer Zeit, daß sie dieses Teufelsweib in
seiner ganzen perversen Leidenschaft und
Grausamkeit darzustellen vermochte.
Freilich auch diese Künstler wußten das
Thema unvergleichlich dramatischen Inhalts
nicht in nur einem Bilde künstlerisch zu bewältigen
. Wie die uns bekannten ältesten
Darsteller vom Gastmahl des Herodes mußten
auch sie, um der Salome ganzes Verbrechen
DONATELLO DER TANZ DER SALOME
Relief in der Taufkirche S. Giovanni am Dom zu Siena
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