Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 256
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_07_1903/0292
DAS KÜNSTLERISCHE IN DER KUNST

Natur. Und gerade deshalb verlangen wir vom
Kunstwerk noch mehr als Natur, nämlich den
Ausdruck der künstlerischen Persönlichkeit.
Ein Kunstwerk ist ja auch nicht einfach
Natur, sondern Natur, die uns vom Künstler
gezeigt wird. Wenn man dies als Bereicherung
der Natur auffassen will, so habe ich
nichts dagegen. Diese Bereicherung ergibt
sich aber unmittelbar aus dem Wesen der
Kunst und geht auch logischerweise aus der
Illusionstheorie hervor. Im Grunde ist sie
auch keine Bereicherung, sondern eine Umsetzung
der Natur in den Ausdruck einer
künstlerischen Persönlichkeit, wobei man mit
demselben Recht von Verarmung wie von Bereicherung
sprechen könnte.

Den reichsten Eindruck von der Natur gibt
immer die Natur selbst. Deshalb sind auch
alle großen Künstler der Vergangenheit der
Ansicht gewesen, daß die Kunst der Natur
höchstens nacheifern, sie aber niemals erreichen
oder übertreffen könne. Und wenn
sie einmal in übertriebener Weise von einem
Erreichen sprechen, hat dies immer den Sinn
einer ganz frappanten Naturwahrheit. In keiner
kunsttheoretischen Schrift des Altertums oder
der Renaissance findet sich auch nur die leiseste
Andeutung, daß die Kunst der Natur in Bezug
auf den Reichtum und die Lebendigkeit der
Vorstellungen überlegen sei.

Wenn also Volkmann von einer Bereicherung
unserer Vorstellungen spricht, so kann
er damit nur meinen, daß der Künstler uns
Züge der Natur kennen lehrt, die wir bisher
noch nicht wahrgenommen haben, d. h. daß
er die in der Natur vorhandenen Züge vollständiger
aus ihr herausholt, als wir selbst es
könnten. Nun, das ist ja wohl selbstverständlich
. Dafür ist er eben Künstler, und wenn
das nicht der Fall wäre, gäbe es gar keinen
Unterschied zwischen Künstlern und Laien.
Auch braucht wohl nicht erst bewiesen zu
werden, daß der Künstler, der mehr in der
Natur sieht, besser ist, als der, der weniger
in ihr sieht.

Die Frage ist nur die, ob der eigentliche
Kunstgenuß, d. h. der unmittelbare ästhetische
Genuß am Kunstwerk von dieser Bereicherung
abhängt. Und dies eben leugne ich. Die Erfahrung
lehrt nämlich, daß gerade die Künstler,
die in dieser Beziehung ihren Zeitgenossen
am weitesten voraus sind, vom Publikum am
allerwenigsten verstanden werden. Und zwar
einfach deshalb, weil dieses die Züge der Natur
, die sie in ihren Bildern zur Anschauung
bringen, noch nicht beobachtet hat, folglich
die Anknüpfungspunkte zum Verständnis ihrer
Kunst noch nicht besitzt. Die Folge davon

ist, daß es ihre Kunst als „unnatürlich" und
„unwahr" empfindet und ablehnt. Das heißt
mit anderen Worten, das Publikum wird durch
diese Kunst nicht in Illusion versetzt.

Ist nun die neue Kunst ehrlich und beruht
sie auf wirklicher Kenntnis der Natur,
so ist die normale Entwicklung die, daß das
Publikum allmählich für sie gewonnen wird.
Dies geschieht in der Weise, daß immer
mehr Menschen, durch die Künstler aufmerksam
gemacht, die Natur ebenso anzusehen
und ebenso zu verstehen lernen wie
sie. Und das schließliche Ergebnis ist, daß
sie sich analoge Naturvorstellungen gebildet
haben wie die Künstler, worauf sie dann
ihre Kunst als naturwahr empfinden.

Alles dies habe ich in meinem Buche
ausführlich dargestellt, und schon daraus
kann man entnehmen, daß dieser Prozeß,
der sich bei allen bedeutenderen künstlerischen
Erscheinungen wiederholt, der Illusionstheorie
durchaus nicht widerspricht. Im Gegenteil,
er ist die beste Bestätigung für dieselbe.
Daß der Künstler, der ein Werk mit neuer
Naturanschauung schafft, selbst dadurch in Illusion
versetzt wird, ist natürlich vorauszusetzen.
Sonst würde er es eben nicht schaffen. Das
Werk, das er schafft, entspricht eben seiner
Naturanschauung, ist in seinem Sinne naturwahr
. Daher behaupten auch alle naiven
Künstler, selbst die scheinbaren Phantasten,
daß sie die Natur so wiedergeben, wie sie
sie sehen.

Nun tritt aber zunächst ein Auseinanderfallen
des künstlerischen und des Laiengeschmackes
ein. Während desselben kommt
beim Publikum keine Illusion zu stände, weil
seine Naturanschauung eine andere ist als
die des Künstlers. Erst allmählich wird die
Differenz ausgeglichen, und die Ueberein-
stimmung ist wieder hergestellt. Man sieht
also: Das Ziel der Entwicklung geht bei
allen gesunden Kunstrichtungen auf Ueber-
einstimmung des Kunstwerks mit der Naturvorstellung
, d. h. auf Zusammenfallen der
Naturanschauung des Künstlers mit der des
Publikums, mit anderen Worten auf Zustandekommen
der Illusion.

Ich verstehe nicht, wie man diesen ganzen
Prozeß überhaupt ohne die Illusion erklären
will. Ich verstehe vor allem nicht, wie man
behaupten kann, der künstlerische Genuß
beruhe auf der Bereicherung unserer Vorstellungen
, wenn er erst dann eintritt, nachdem
diese Bereicherung schon stattgefunden
hat, also nicht mehr als Bereicherung empfunden
wird.

Aus alledem geht hervor, daß man die

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