Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 7. Band.1903
Seite: 258
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_07_1903/0294
-^s5> DAS KÜNSTLERISCHE IN DER KUNST

Fähigkeit des Künstlers, unmittelbaren Kunstgenuß
zu erzeugen, und seine Bedeutung im
höheren Sinne wohl voneinander unterscheiden
muß. Nicht jedes Kunstwerk, das uns unmittelbaren
Genuß gewährt, ist das Werk
eines bedeutenden Künstlers. Die besten
Kunstwerke sind oft gerade die, die man
nicht sofort versteht, die einer wiederholten
Anschauung bedürfen, um in ihrem ganzen
Gehalte, d. h. ihrer ganzen Lebenswahrheit
empfunden zu werden. Die Analogien aus
der Musik liegen ja sehr nahe.

Ueberhaupt wäre es sehr verkehrt, die
höhere Bedeutung eines Künstlers, seine
historische Stellung innerhalb der Kultur,
innerhalb der Entwicklung der Menschheit
lediglich von der Illusionskraft abhängig zu
machen, mit der er seine Zeitgenossen zu
seiner Naturanschauung zu zwingen weiß.
Mindestens ebenso wichtig ist sein Verhältnis
zu den allgemeinen Problemen des
Lebens, zu den geistigen Idealen, die sein
Volk bewegen. In dieser Beziehung kann
ich nur noch einmal wiederholen, was ich
schon wer weiß wie oft ausgeführt habe,
daß die Kunst nichts Isoliertes im menschlichen
Leben ist, sondern immer mehr oder

weniger mit der Religion und Ethik, der
Sinnenwelt, der Wissenschaft, der Politik
u. s. w. zusammenhängt, und daß die Bedeutung
eines Künstlers als Mensch natürlich von
der Stellung abhängt, die er zu diesen Gebieten
einnimmt, oder genauer gesagt, daß die
Beurteilung eines Künstlers vom allgemeinmenschlichen
Standpunkt davon abhängt, ob
er zu diesen Gebieten dasselbe Verhältnis
hat wie der Beurteilende.

Aber dies ist eben nichts Künstlerisches,
geht folglich die Aesthetik nichts an. Wohin
würden wir kommen, wenn sich diese ihre
Gesetze von der Kirche und vom Staat, von
Religionsgesellschaften und Parteien, von
Philosophen und Naturforschern diktieren
lassen wollte! Nein, es ist keine Verarmung
der Kunst, keine Veräußerlichung,
wenn man sie wenigstens bei der theoretischen
Analyse von allen diesen Gebieten
loslöst und einmal mit voller Entschiedenheit
auf ihr ureigenstes Gebiet, nämlich auf die
Illusion stellt. Es kann nur dazu dienen, daß
sie sich auf sich selbst besinnt und sich nicht
irre machen läßt durch Phantastik und Symbolismus
, durch Geschichte und Mythologie,
durch Patriotismus^"und Frömmigkeit, durch

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