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-sr-s^)« VON AUSSTELLUNGEN UND SAMMLUNGEN
sich die Bilder der »Neos« von anderen unterscheiden
. Angesichts dieser neuen Ausstellung
muß man sagen, daß die neoimpressionische Bewegung
zwar an Umfang, aber wenig an Resultaten
gewonnen hat. Immer mehr Maler lassen sich von
der Logik des Prinzips überzeugen; die Erlernung der
Technik fordert jedoch ein so ungeheures Maß
von Nachdenken, Geduld und Selbstverleugnung, daß
Jahre vergehen, ehe sie einer wirklich beherrscht.
Zunächst bekommen die meisten Bilder infolge der
Schwierigkeiten, welche die Wiedergabe der einfachsten
Erscheinungen bereitet, etwas Theoretisches.
Die »Neos» gehen von der Erkenntnis aus, daß in
allem Belichteten die gelbe, in allem Beschatteten
die blaue Farbe den Ton der übrigen Farben bestimmt
, ferner, daß jede Farbe durch die daneben
gesetzte Komplementärfarbe in ihrer Intensität gesteigert
wird. Alsdann finden sie, daß eine ungleich
größere Leuchtkraft des Tons zu erreichen ist,
wenn die erforderlichen Farben nicht auf der Palette
gemischt, sondern in einem vorher zu ergründenden
Verhältnis rein in kleinen Flecken nebeneinander
auf die Bildfläche gesetzt werden, daß also nicht
mehr der »chemische«, sondern der »optische«
Effekt erstrebt werden müsse. Eine einigermaßen
überzeugende Wirkung üben von den ausgestellten
Bildern eigentlich nur die Paul Signac's aus, der
Darstellungen bevorzugt, in denen er Wasser unter
dem Einfluß des Sonnenlichtes malen kann. Wenn
er so die Ufer der Seine bei Samois, den Hafen
von Marseille oder den von St. Tropez bei Morgen-,
Mittags- oder Abendsonnenbeleuchtung schildert,
w. von rümann
relief am ohm-denkmal
in münchen* « «
kommen Licht- und Farbeneffekte heraus, die man
auf eine andere Weise unmöglich erreichen kann.
Signac behandelt die Technik übrigens bereits ziemlich
frei, wodurch er der Gefahr entgeht, zu langweilen
oder das Blau nicht genügend zu überwinden.
Mit diesem vordringlichen Blau schlagen sich Luce
und Cross ärgerlich genug herum. Auch die Deutschen
Christian Rohlfs und Curt Herrmann
haben damit zu tun. Dieser aber ist insofern am
meisten voran, als er nicht mehr nur mit dem Gegenständlichen
herumoperiert, sondern schon höhere
künstlerische Aufgaben zu lösen sucht. Die Art, wie
er einen architektonisch umständlichen Raum ohne
perspektivische Linien nur durch die Bewegung der
Farbe zur Anschauung zu bringen weiß und dessen
Dunkel mit einfallendem Licht in malerischen Gegensatz
bringt, zeigt jedenfalls, daß die Schwierigkeiten
der Technik bis zu einem gewissen Grade zu überwinden
sind. Auch Paul Baum ist schon zu sehr
achtbaren Resultaten gelangt, obgleich oder vielleicht
weil er Kompromisse nicht verschmäht und nicht
nur Farbe in neoimpressimistischer Art, sondern
auch Zeichnung bringt. Er zeigt Ansichten von
Konstantinopel, sehr intim durchgearbeitete Stücke,
unter denen eine bei bedecktem Himmel, auf ein
leichtes Grau gestimmt, und eine andere in flimmernder
Sonnenbeleuchtung selbst bei den Gegnern
der Richtung die lebhafteste Anerkennung finden.
Kompromiß steckt auch in M. A. Stremel's Bildern
(»Damenporträt«, »Gelbes Zimmer« und
»Blumenstilleben«). Gerade vor seinen grellfarbigen
Arbeiten aber merkt man, daß das Wesentliche
bei der Anwendung der neoimpressionistischen
Formel der Geschmack ist, daß
alles von der Nuance abhängt. Von der
Geschmacksseite aus besteht ein oberflächlicher
Zusammenhang zwischen den
Neoimpressionisten und einer mit ihnen
ausstellenden Künstlergruppe, deren glänzendster
Vertreter Vuillard ist. Diese
Kunst fußt wieder auf dem Impressionismus
, den Manet, Cezanne, Degas inauguriert
haben, und hat wohl auch Anregungen
von Whistler und den Schotten empfangen.
Sie hat nicht das Große dieser Meister,
aber sie ist geistreich, pikant, verführerisch
. Die Bilder Vuillards stellen die entzückendste
Kombination schöner Farben-
flecke vor, die man sich auf einem delikaten
graubraunen Grunde denken kann. Alles
Materielle ist soviel wie möglich unterdrückt
, damit die Farben mit ihren süßen
Stimmen allein sprechen können — von
den alltäglichsten Dingen, von den Reizen,
die ein leidlich nett eingerichtetes Zimmer,
ein gedeckter Tisch, eine Vase mit ein paar
Feldblumen, eine Atelierwand dem Auge
bieten. Vuillards feinstes Bild in dieser
Ausstellung stellt ein nacktes weibliches
Modell auf einem grauen Divan sitzend
dar, der unter einem großen farbenreichen
Gobelin steht. Auf der ganzen Leinwand
nicht eine feste Form, aber eine wunderbare
Harmonie von Farben und Tönen.
Man meint Musik zu sehen von jener Art,
wo eine starke Empfindung mit Zurückhaltung
sich äußert. Auch Bonnard ist
sehr fein. Seine Farbe hat nicht ganz die
Zartheit der Vuillards, jedoch sucht er
vielfach durch Pikanterie des Ausschnitts
zu wirken und ist dabei oft kühner als
Degas. Auf einem seiner Bilder sieht
man groß und mächtig den schwarzen
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