http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_07_1903/0399
walter leistikow
kanal (1899)
DIE MODERNE GALERIE IN WIEN
(ZUR ERÖFFNUNG DES PROVISORIUMS IM BELVEDERE)
\/on der „Modernen Galerie", die gleich nach den
* Osterfeiertagen eröffnet werden wird, kann man
als von einer tatsächlich aus dem Boden gestampften
Schöpfung reden. Denn ein vollständiges Abreißen
jeder Tradition, eine vollständige Unkenntnis aller
künstlerischen Enunziationen der letztvergangenen
und der zeitgenössischen Produktion, war bis vor
kurzem leider in Oesterreich gang und gäbe.
In richtiger Erkenntnis, daß der Zweck einer
modernen Galerie der ist, die Höhepunkte zeitgenössischen
Schaffens dem Publikum vor Augen
zu führen, und der Nachwelt gesammelt als Dokumente
einer Epoche zu überliefern, ist das Prinzip
durchgeführt, nicht nur die Erwerbung heimischer
Leistungen zu bevorzugen, sondern auch Meisterwerke
des Auslandes in großmöglichster Anzahl
anzukaufen. Ueberhaupt ist, um die moderne Galerie
von Anfang an auf ein hohes künstlerisches
Niveau zu stellen, die allerstrengste Sichtung des
vorhandenen Materials durchgeführt worden.
Obwohl die jetzige Aufstellung auch, bis zur
Erbauung des städtischen Museums, nur ein Provisorium
ist, so muß doch die Wahl dieses Provisoriums
als ungemein glücklich bezeichnet werden.
Der Unterrichts-Minister hat die Ueberlassung der
Belvedere-Räume, in welchen früher die Ambraser
Sammlung untergebracht war, durchgesetzt, und
diese prachtvollen, im achtzehnten Jahrhundert von
Hildebrandt erbauten Säle bergen jetzt die Enunziationen
der Zeitkunst. Da die prägnante Barock-
Architektur eine glückliche Aneinanderreihung von
Bildwerken unmöglich gestattete, so hat Architekt
Fabiani, welcher mit der Ausgestaltung der Innen-
Dekoration betraut wurde, das Provisorium dadurch
charakterisiert, daß er eine Art spanische Wand-
Abteilung durch alle Räume führte. Diese mit Stoff
bespannten, sehr grazil und leicht wirkenden Einbauten
bieten ungemein günstige Hängeflächen,
welche so weit als nur möglich, den Beleuchtungs-
Erfordernissen gerecht werden. Die Hänge-Kommission
bewältigte die schwere Aufgabe einer übersichtlichen
Einteilung in glücklicher und sehr instruktiver
Weise, indem sie bei der einheimischen
Kunstabteilung an dem retrospektiven System
festhielt.
Hier ein Führer durch die moderne Galerie.
Der Eingang führt durch den Belvedere-Garten.
Durch die Haupttüre der früheren Ambraser Räume
gelangt man links in die die heimische Kunst bergenden
Säle. Unmittelbar mit den in allerjüngster
Zeit Schaffenden wird begonnen, um mit der Vorführung
der Meister der dreißiger Jahre, um mit
der Schwind-Periode abzuschließen.
Raum I enthält die großen im Vorjahre und
dieses Jahr erworbenen Gemälde von Karl Mediz
und Emilie Pelikan.
Raum II. Hier sind die aus der Hörmann-
Stiftung angekauften Bilder österreichischer Maler
gehängt. Hörmann selbst ist ausgezeichnet vertreten
. Uprka's »Madonnenanbetung« ziert die
Hauptwand.
Raum III ist in zwei Abteilungen getrennt. Ein
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