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AUS DEN BERLINER KUNSTSALONS <ö^-v-
walter leistikow mondnacht an der nordsee (1901)
züge dieses wirklichen Malers. Breyer stellt köstliche
, geschmackvolle Stilleben aus, Trübner eine
der wunderschönsten seiner grauen Landschaften,
»Schloßmauer«, und Leistikow hat von Gerhart
Hauptmanns Villa aus das Riesengebirge im Schnee
gemalt,was zu einigen bemerkenswert guten Bildern
geführt hat. — Der mit Eintritt des April in allen
Kunstsalons vorgenommene Wechsel hat bei Cassirer
u. a. eine Kollektion von Werken Franz Skarbina's
gebracht. Der Künstler ist in den letzten Jahren etwas
in den Hintergrund getreten, aber, wie diese Ausstellung
beweist, nicht zurückgegangen. Er ist der
geschmackvolle Maler geblieben, als den man ihn
immer geschätzt hat. Wenn auch gesagt worden
ist, daß er seine Inspirationen vielfach aus den
Arbeiten französischer Künstler holt — er macht
dennoch persönliche Kunst. Und er ist kein Spezialist
und malt, was ihm vor den Pinsel kommt: Das
Leben der Großstadt, Architekturen, Landschaften,
Porträts. Er hat eine Vorliebe für die Straße und
kostet deren Reize besonders am Abend aus, wenn
die elektrischen Lampen aufflammen, das vielfarbige
Licht der Schaufenster in breitem Strome über die
Trottoirs flutet und sich womöglich noch in dem
nassen Pflaster spiegelt. Da sieht man Kinder, die
in die bunte Pracht der Spielwarenläden starren
und eine schwarzgekleidete schöne Dame, die sich
zuckenden Mundes von dem fröhlichen Glanz abwendet
■— »Lust und Leid«; da sieht man »Abend-
scenen aus Paris« oder einen »Weihnachtsmarkt«,
wo bunte Lichter glühen. Oder es ist Frühling,
ein warmer Abend, und »unter blühenden Kastanien
« auf einer Vorstadtpromenade spaziert in zärtlicher
Umschlingung ein Liebespaar. Auf einem
anderen Bilde lustwandelt unter grünen Bäumen
eine junge elegante Dame in fliederfarbener Toilette
»im Sonnenschein«. Dann schaut der Künstler zur
Abwechslung wieder einmal in eine »Hamburger
Matrosenkneipe« oder schildert ein rotes Backsteinhaus
»aus Holstein« oder den malerischen Schmutz
von »Alt-Berlin«. Welch guter Künstler er ist,
bemerkt man besonders, wenn man sieht, was
für langweilige Bildchen Oskar Halle (Ostende),
der in Holland ähnliche Motive fand, aus diesen gemacht
. Die Ausstellung beherbergt ferner eine
Reihe wundervoller Bilder von Degas. Ueber die
verschiedenen Pastelle, die Tänzerinnen in den merkwürdigsten
Bewegungen, in schillernden Kostümen
und unter raffinierten Beleuchtungen darstellen, hat
man wohl schon alles Lob erschöpft. Man findet
hier aber außerdem ein entzückendes kleines Bild,
ein »Cafe-Concert« von der Rückseite des Zuschauerraums
gegen die winzige Bühne gesehen.
Wie der Künstler da mit wenigen Mitteln das
Publikum schildert, das dem Vortrag einer eben
schamhaft die Augen bedeckenden gelbgekleideten
Chanteuse lauscht oder sich untereinander unterhält
, das ist einzig. Bezeichnend für das Vergnügen
des Künstlers an ungewöhnlichen Stoffen
ist ein größeres Oelbild von Degas, das die Deckenpartie
eines Varietetheaters darstellt. Gegen die
terrakottafarben bemalte Architektur hebt sich der
in Tricots und rosa Seide gehüllte Körper einer
»Zahnakrobatin« ab, die an einem Drahtseil, den
Apparat im Mund, hinaufgezogen wird. Die Bewegung
ist fabelhaft gut beobachtet und der Körper
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