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-.t-S£ö> das wesen der kunst neue bücher
graphie etwa einer bekannten Gegend oder Persönlichkeit
eine sehr bestimmte Illusion, nur eben eine
nüchterne, nichtssagende, unsere Vorstellung im
besten Falle wieder auffrischende, nie aber bereichernde
. Und zum allergewagtesten Mittel muß
Lange dort greifen, wo er zeigen will, daß die Bereicherung
deshalb nicht das Wesen des Kunstgenusses
ausmachen kann, weil sie von den großen
Massen meist zunächst gar nicht empfunden und
verstanden wird. Wenn er dort sagt, »daß man die
Fähigkeit des Künstlers, unmittelbaren Kunstgenuß
zu erzeugen, und seine Bedeutung im höheren Sinne
wohl voneinander unterscheiden muß«, so kann ich
ihm nur darauf erwidern, daß ich
allerdings voraussetze, daß man
die »höhere Bedeutung des Künstlers
« ins Auge faßt, und nicht die
»Aesthetik der Zurückgebliebenem,
wenn man ein Buch über das
Wesen der Kunst schreibt. Daß
diese höhere Bedeutung nicht eine
außerkünstlerische, sondern nur
eine künstlerische sein kann, sollte
gerade mein Aufsatz kurz zusammenfassen
, und ich weiß nicht,
warum Lange diese Frage, in der
wir nach seinen eigenen Worten
durchaus einig sind, zum Schluß
überhaupt nochmals berührt. Und
deshalb ist auch die Bereicherung,
die der Künstler uns verschafft,
nicht eine quantitative, sondern
lediglich eine qualitative, womit
etwas sehr anders gemeint ist als
Konrad Langes »Ergänzungstheorie
«, die er in den letzten Worten
seiner Entgegnung streift. »Die
Natur überzeugend darzustellen
und der Menschheit damit einen
Ersatz für das Leben und eine
Ergänzung der Wirklichkeit zu
bieten«, ist ihm das höchste Ziel
der Kunst. Ich brauche kaum zu
betonen, daß mir auch diese Auffassung
zu äußerlich ist, und daß
ich statt dessen lieber von einem
Gewinn für das Leben und einer
Vertiefung und Bereicherung unseres
Verhältnisses zur Wirklichkeit
sprechen möchte. Doch genug
Was hier gesagt wurde, erhebt nun
nicht etwa seinerseits den Anspruch
, die Aesthetik auf eine
neue Grundlage zu stellen. Ich
habe Langes Ansichten eine gegenteilige
Auffassung gegenübergestellt
, nicht um seine Theorie, wie
er sich etwas hart ausdrückt, »mit
ein paar mißverständlichen Einwänden abzutun«,
sondern lediglich um den Lesern dieser Zeitschrift
die Gelegenheit zur eigenen gegenseitigen Abwägung
der beiden Prinzipien zu bieten. Ich selbst
bin nach wie vor der Meinung, daß Konrad Lange
in seinem Buche uns zwar sehr schätzenswerte
Anregungen und Aufklärungen über so manche
wichtige tatsächliche Vorbedingung der Kunst gegeben
hat, daß aber das Wesen der Kunst darin
nicht erschöpft ist.
NEUE BÜCHER
Die Kunst. Sammlung illustrierter Monographien
. Band I. Lucas Cranach von Richard Muther.
Band II. DieLutherstadtWittenberg von Cor-
neliusGurlitt. (Berlin, Julius Bard, jeder Band M. 1.25.)
Unter dem selben Titel wie diese Zeitschrift »Die
Kunst« — das ganze Universum des künstlerischen
Schaffens also bezeichnend - - gibt Richard Muther
neue künstlerische Monographien heraus. Temperamentvoll
wollen diese Bändchen einzelne Künstler
und Kunstgebiete begreifen machen. Die zünftigen
Historiker werden schon deshalb viel daran zu nör-
LEO SAMBERGER
MALER JOSEF. H UBER
geln haben, ein freies und leichtbewegliches Völkchen
aber von Kunstfreunden, von solchen, die nicht
durch vergilbte Folianten zu künstlerischem Mitgenießen
, sondern durch Freunde der Künstler sich
führen lassen wollen, wird sich freuen über diese
reizvoll ausgestatteten Bändchen und freudig wird
es seinen wort- und seelbegabten Führern folgen,
wie einst die Jugend hinter der verlockenden Pfeife
des Rattenfängers von Hameln. — Auf einzelne Bändchen
speziell einzugehen werden wir wohl später
einmal Gelegenheit haben: inzwischen wird sich
gewiß ein großer Liebhaberkreis für diese Monographien
bilden; denn echt künstlerisches Erfassen
spricht aus dem Text, verfeinerter Geschmack aus
ihrem Aeußern. E.w. B.
Die Kunst für Alle Will
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