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DIE SIEBENTE KUNSTAUSSTELLUNG
DER BERLINER SECESSION
Von Hans Rosenhagen
von den
Es wird soviel über den schlechten Kunstgeschmack
des deutschen Publikums geklagt.
Wer hat ihn erzeugt? Wer tut etwas, um das
Uebel zu beseitigen? Sehen wir nicht die
meisten Künstler ängstlich bemüht, sich mit
dem Geschmack des Publikums in Einklang
zu bringen, ihm zu schmeicheln, ihn zu überraschen
oder zu brüskieren, nur um angenehm
oder unangenehm bemerkt, jedenfalls
aber bemerkt zu werden? In dem gleichen
Geiste operieren die meisten Ausstellungsleitungen
. Alles sorgt um die Gunst des
Publikums. Ist es da ein Wunder, wenn
dieses übermütig wird, von dem Künstler
Werke verlangt, die ihm gefallen,
Ausstellungsleitungen fordert, daß
sie seine Ansprüche befriedigen.
Man gibt dem Publikum, was es begehrt
. Nur hin und wieder wagen
einige Revolutionäre einen Widerspruch
, drängen auch gelegentlich
den Geschmack des Publikums in
eine andere Richtung; aber dann
nimmt die Tyrannei ruhig wieder
ihren Fortgang. Ist das Erziehung?
— Nachdem die Berliner Secession
während der fünf Jahre ihres Bestehens
konsequent Ausstellungen
von ausgesprochen künstlerischem
Charakter veranstaltet hat, die nicht
die geringste Rücksicht auf die
Gefühle des Publikums erkennen
ließen und dennoch dessen Beifall
fanden, darf man wohl sagen, daß
das Publikum unterschätzt worden
ist, sowohl in seiner Erziehungsfähigkeit
als auch in seinen Ansprüchen
. Das Publikum ist immer
so wie es behandelt wird: Vornehm
oder plebejisch, rücksichtsvoll oder
brutal, für gute oder für banale
Kunst.
Die Berliner Secession hat es in
diesem Jahre sogar wagen können,
den Besuchern ihres kleinen Hauses
mit einer etwa zweihundert
Werke enthaltenden Ausstellung
entgegenzutreten, die im wesentlichen
auf den Kennergeschmack
berechnet ist. Und diese Ausstellung
hat Erfolg. Man rindet allgemein
, daß sie die vorige an Eindrucksfähigkeit
übertrifft. Dabei enthält sie gar nichts
Sensationelles. Mehr denn je aber tritt die
Absicht auf gute Malerei in den Vordergrund,
erfreulicherweise ohne bemerkbare Anlehnung
an Vorbilder. Nachdem die jüngeren Berliner
Künstler einmal begriffen haben, was gute
Malerei ist, bemühen sie sich jetzt ersichtlich
, das Persönliche zur Geltung zu bringen.
Sie haben dieses Mal eine äußerst gefährliche
Probe auszuhalten, denn sie stehen
wie noch nie in Konkurrenz mit den besten
Malern der Zeit. Und sie halten sich. Ihre
Bilder sehen neben den vorhandenen Meisterwerken
von Leibi, Trübner, Liebermann, von
LEO FRHR. VON KONIG BILDNIS DER MALERIN M. TARDIF
Ausstellung der Berliner Secession
Die Kunst fllr Alle XVIII. 17. 1. Juni 1903.
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