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BERLINER SECESSION -C^_>-
LOUIS CORINTH « ODYSSEUS KÄMPFT MIT DEM BETTLER
Ausstellung der Berliner Secession IROS VOR DEN SCHWELGENDEN FREIERN
nicht recht zur Geltung. Aber Trübner strebt
weiter. In dem Bildnis einer weißgekleideten
hellblonden Dame, die in einem Garten steht
und von reflektiertem Sonnenlicht getroffen
wird, bietet er eine Freilichtschilderung von
unerhörter Sicherheit und Farbigkeit. Das
Gegenstück dazu bildet das Porträt eines jungen
blonden hessischen Postillons, der in seiner
blauen Uniform mit dem Posthorn auf der
Brust im grellen Sonnenschein auf dem
Kutschbock sitzt (Abb. s. S. 408). Eine nicht
minder erstaunliche Leistung. Und außerdem
findet man von Trübner hier noch ein paar
seiner schönen grünen Landschaften, die ebenfalls
ihresgleichen in der deutschen Kunst nicht
haben. Liebermann stellt sich mit sich selbst
in Wettbewerb, indem er neben neueren Arbeiten
eins seiner älteren Hauptwerke, „Die
Bleiche" von 1882 zeigt (Abb. s. S. 395), ein
Bild, das jederzeit der höchsten Bewunderung
wert sein wird, mit dem er hier aber
nur den Beweis liefert, daß ein Bild durchbilden
manche andere Vorteile aufgeben
heißt. Man darf die feine graugrüne Harmonie
dieser „Bleiche" köstlich nennen, muß aber
zugeben, daß weniger zeichnerisch durchgeführte
Wiedergaben der Wirklichkeit, wie
Liebermanns von promenierendem Publikum
belebte, luftige und sonnige „Papageienallee
im Amsterdamer zoologischen Garten", oder
der bunte Aras ins Freie tragende „Papageienmann
" (Abb. s. S. 396) unseren heutigen Begriffen
von Natur und Malerei unbedingt
näher stehen und in dieser Beziehung gegenüber
jenem Bilde einen enormen Fortschritt
bedeuten. Ein Selbstporträt aus dem letzten
Jahr ist unbedingt das beste aller existierenden
Liebermann-Bildnisse. Es hat jenen Ernst
und jene Größe, die als charakteristische
Merkmale der Kunst des Berliner Meisters
gelten dürfen.
Viel Beachtung findet und verdient hier
Robert Breyer, der sich immer bemerkbarer
zu einem feinen, geschmackvollen und dabei
durch seine Ehrlichkeit bestechenden Kolo-
risten entwickelt. Sein kleines Porträt einer
vor einem grauen Vorhang in hochzeitlich
weißem, hochgeschlossenem Kleide mit gefalteten
Händen nachdenklich sitzenden jungen
Frau (Abb. s. S. 400) gehört zu den Perlen
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