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r>ERLIN. Der Bildhauer Louis Tuaillon ist
jetzt mit drei größeren Werken beschäftigt: für
Bremen arbeitet er an dem Reiterstandbild Kaiser
Friedrichs, die Nationalgalerie erhält seinen »Herkules
mit Eber« und für einen in Wannsee wohnenden
Kunstfreund ist das Bildwerk eines großen Stiers
bestimmt.
KUNSTLITERATUR
Die Große Berliner Kunstausstellung.
Eine Flucht der Künstler in die Oeffentlichkeit.
(Verlag von Hans Stöcker, Berlin SW. 48, 50 Pfg.)
Die alte Klage über die Härte, Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit
und menschliche Schwächen der
Juroren. Von der Jury der Großen Berliner Kunstausstellung
sind rund zweitausendzweihundert Werke
zurückgewiesen worden. »Dieses Massacre, dieses
Zertreten von Menschenexistenzen« hat der Vertreter
des Staates in der Ausstellungskommission durch Lob
sanktioniert, für die Zukunft sogar- noch größere
Strenge empfohlen und damit den Zorn der mit der Not
OSKAR ZWINTSCHER BILDNIS
Sächsische Kunstausstellung in Dresden
Angekauft für die Kgl. Gemäldegalerie ebenda
des Lebens ringenden Künstlerschaft, der die Ausstellung
die wichtigste Verkaufsgelegenheit ist, auf sich
geladen. Mit rührsamen Worten wird dargestellt, wieviel
für den einzelnen Künstler davon abhinge, daß
er in der Ausstellung vertreten sei. Dann kommen
Anklagen gegen die Urheber so schrecklicher Zustände
. Es sind die Sezessionen, deren Beispiel
und Erfolge die Ausstellungsleitung veranlaßt habe,
durch Einschränkung und Strenge das Niveau der
Ausstellung zu erhöhen; der Staat, der mittelmäßige,
moderne ausländische Bilder ankaufe und dadurch
die künstlerische Jugend verführe, solche als Vorbilder
anzusehen, und endlich die Presse, die mit
Ausnahme von Ludwig Pietsch nicht sachverständig
sei und die Partei der Sezession nähme. Von
den Vorschlägen zur Abhilfe, welche sich diesen
Klagen und Anklagen anschließen, sind nur zwei
der Beachtung wert: Die Juroren sollen weniger
hastig arbeiten; den Düsseldorfer Künstlern soll,
nachdem sie einen eigenen Ausstellungspalast in
Düsseldorf erlangt haben, die Teilnahme an der
Leitung der Moabiter Ausstellung entzogen oder
den Berlinern die gleichen Rechte in Düsseldorf
zugestanden werden. Was sonst verlangt wird: Ausschluß
der Ausländer, Juryfreiheit für Künstler, die
zehnmal in der Ausstellung vertreten waren, Einsetzung
einer Revisionsjury u. s. w., geht lediglich
auf die Umwandlung der Großen Kunstausstellung
in eine Altersversorgungsanstalt für Berliner Künstler
hinaus. Ueberhaupt vertritt die von mehreren nicht
eben hervorragenden Mitgliedern der Künstlerschaft
unterzeichnete Broschüre den Standpunkt, daß die
Ausstellungen der Künstler und des Verkaufs, und
nicht etwa des Publikums und dessen Amüsements
wegen, da wären. Aeußerungen dieser Art aus
Künstlerkreisen treten in Berlin mit Regelmäßigkeit
auf, wenn es den Leitern der Moabiter Ausstellung
gelungen ist, dieser ein mal wieder eine erträglichere
Physiognomie zu geben. Die guten Leute
pochen auf ein Recht, das sie garnicht haben, nämlich
daß die Oeffentlichkeit sich mit ihnen unter
allen Umständen beschäftigen müsse. Sie verlangen,
daß der Staat für die Menschen sorgt, die er auf
seinen Akademien zum Künstlerberuf erzieht. Mit
der gleichen Berechtigung könnten ja die Studierenden
aller Fakultäten beanspruchen, daß der Staat
sich ihrer annehme. Warum sollen denn gerade die
Künstler vor dem Kampf ums Dasein besonders
geschützt werden? Kraft und Begabung haben sich
trotz aller bösartigen Juroren noch stets durchgesetzt
, auch in Berlin. Weß' Geistes Kinder diese
sich in die Oeffentlichkeit flüchtenden Künstler
übrigens sind, geht aus ihren Angriffen auf den
Reichskommissar Lewald hervor, dem jeder die
Kunst nicht für ein Geschäft haltende Deutsche
nur dankbar sein kann, daß er den Amerikanern
eine sorgsamer ausgewählte Sammlung deutscher
Kunstwerke zeigen will, als die Pariser sie 1900 zu
sehen bekamen, und ferner aus ihrem Ruf nach
dem Kaiser, daß er die Hydra Sezession zerschmettere
. Wie schwach muß die Kunst sein, die
auf solche Weise ihre Existenz zu halten sucht!
Und welcher Mangel an Einsicht! Das Aufkommen
Berlins als Kunstmarkt hängt aufs innigste zusammen
mit dem Interessant- und Besserwerden seiner
Ausstellungen. Mit schlechten und mittelmäßigen Berliner
Kunstwerken aber zieht man wahrhaftig nicht
die Käufer heran. Außer falschen Ansichten enthält
die Broschüre auch verschiedene falsche Behauptungen
. Sie wird nur Einsichtslose überzeugen, daß
die Zulassung der schwachen Elemente zu den
Großen Berliner Kunstausstellungen zur Stärkung
des Ansehens der Berliner Kunst dient. h. r.
Redaktionsschiuli: 11. Juli 1903. Ausgabe: 23. Juli 1903.
Für die Redaktion verantwortlich: F. Schwärtz.
Verlagsanstalt F. Bruckmann a.-g. — Druck von Alphons Bruckmann. Sämtlich in München.
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