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-^ss5> DIE FÜNFTE VENEZIANER KUNSTAUSSTELLUNG <^£=^
würden, ein Schreibzimmer, vor dessen monumentaler
Pracht das Publikum sich staut, einen
luxuriösen Rauchsalon, in dem auch die Vertreter
der Presse nicht rauchen dürfen, und ein
elegantes Postamt, in dessen Dekoration die
Blitze des telegraphischen Funkens und Briefe
eine leicht verständliche Rolle spielen.
Diese Gemächer haben keinen anderen
Zweck als den, für die Fortschritte der Kunstindustrie
in Venedig zu zeugen und insofern
mögen sie gelten; nebenbei sei dazu bemerkt,
daß sie im wesentlichen dem modernen Formensinn
huldigen und an sich hervorragende Leistungen
sind. Viel weniger verdienstlich erscheint
leider die Dekoration der meisten
„regionalen" Säle und vor allem: sie ist fast
durchweg den ausgestellten Kunstwerken recht
ungünstig. Gleich der Saal „Latium", links am
Eingange, ist dafür charakteristisch. Ohne die
Gemälde, für die er doch bestimmt war, könnte
man ihn wirklich für ein vornehmes Vestibül
halten (Abb. s. S. 513). Aristide Sartorio
hat ihn entworfen: ihm schwebten die strengen
Linien und Farben des klassisch-römischen
Stils mit einem mildernden Zusatz von moderner
Empfindung vor. So verwendet er
reich geschnitztes, vergoldetes Holz an den
fürst paul troubetzkoy « « statuette des
« Kunstausstellung in Venedig « fürsten galitzin
Türen, führt einen Puttenfries in Chiaros-
curo, zwischen goldenen Gesimsen, unter
der Oberlichtdecke ringsherum und behängt
die Wände mit grüngrauer Seide, die aber -
es ist kaum glaublich! — in energischen
Falten wie bei Stores gerafft ist. Auf diesem
unruhigen Hintergrund wirken die Bilder recht
schlecht; Sartorio's Hauptwerk freilich „Fer-
tilis frugum pecorisque tellus", eine lebensgroße
Schafherde im flimmernden Sonnenschein
, deckt eine ganze Schmalwand und
bildet den imposanten Abschluß des Saales,
in dessen Mitte der überaus zierliche „Jugendbrunnen
" von Apolloni, von vergoldeten,
antikisierenden Sesseln umgeben, angenehm
plätschert.
In anderer Weise schädigten die Bologneser
in der Sala Emiliana (Abb. s. S. 526) die
Kunstwerke. Sie gaben zwar den Wänden
einen einfachen, glatten Bezug von grauem
Tuch, das allerdings unten und oben von
lebhaft gefärbter Dekoration eingefaßt ist:
aber fast die Hälfte der Gesamthöhe verwandten
sie für einen in die Volte übergehenden
Fries, auf dem Giuseppe Romagnoli und
Achille Casanova in flachem, mit grau,
braun, grün, weiß und gold getönten Stuckrelief
stilisierte Blüten- und Fruchtbäume und
zwischen diesen lebensgroße Jungfrauen in
graziös-rhythmischen Bewegungen dargestellt
haben. Dieser Hain ist bei aller Anmut recht
sehr vordringlich; kommt noch der Eindruck
des blanken Parketts, des herrlichen, vergoldeten
Wandspiegels von Vincenzo Cadorin,
der mit Clematisblüten gestickten Möbel und
Vorhänge und der reichlich verteilten blühenden
Topfgewächse hinzu, so bleibt für die
Bilder (um die es in diesem Saale wohl auch
nicht schade ist) wenig Aufmerksamkeit übrig.
Fast noch mehr leiden im internationalen
Porträtsaal (s. d. Abb. a. S. 527) die schon durch
ihre Zusammenstellung gefährdeten Bildnisse
von einem auf stark reflektierenden Kacheln
gemalten Friese, an dem Cesare Laurenti
in lebensgroßen Halbfiguren von kunstgeschichtlich
wichtigen Personen seine Kunst
und seine falsche Berechnung des Effektes
zeigt; zwei monumentale und recht wunderliche
Sitzbauten vermehren dabei die schwer
erträgliche Unruhe. Aber es scheint, daß die
Italiener gegen dergleichen nichts einzuwenden
haben: Fragiacomo gab einem nur für ihn und
Ettore Tito und Milesi bestimmten kleinen
Saale einen für mein Gefühl kunstmörderischen
Fries von Sammet und Seide, auf dem in
weiß, rot und grün die Spitzen von Masten
mit flatternden Wimpeln, Tauen und Stücken
von Segeln in einen Wolkenhimmel ragen.
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